Ein (fast vergessener) Bürgermeister der Herzen

Otto Beutler starb heute vor 100 Jahren in Dresden, am 1. August 1926. Eine Spurensuche …

Deutscher Verwaltungsjurist und konservativer Kommunalpolitiker also. Klingt für uns heutzutage erstmal nach „komplett spaßbefreit“. Klingt nach „Beamter durch und durch“ oder „Behördentyp“, keinesfalls aber nach „Bürgermeister der Herzen“.

Doch genau das soll Otto Beutler gewesen sein: Ein Oberbürgermeister, den die meisten Dresdner während seiner Amtszeit geradezu verehrten. Ein Kommunalpolitiker, der als Bürgerversteher galt, weil er den Bürgern zuhörte. Der sich auf der Straße immer wieder unters Volk mischte und in seiner Amtsstube Bürgersprechstunden für Jedermann abhielt.
Dennoch verbinden wir heutzutage seinen Namen zuerst mit dem gleichnamigen Park südöstlich des Hauptbahnhofs und sein kleines Denkmal mitten in der Stadt – wenn man es überhaupt Denkmla nennen darf – werden die Allerwenigsten Dresdner kennen. Warum ist das so? Eine Spurensuche …

Beutlers steile Karriere

Gustav Otto Beutler erblickt im August 1853 im vogtländischen Waldkirchen das Licht der Welt. Nach dem Gymnasium studiert er in Leipzig Rechtswissenschaften, mit 27 Jahren wird er in Meerane zum besoldeten Stadtrat ernannt. Ein Jahr später ist er Bürgermeister dieser Stadt, 1885 übernimmt er diese Aufgabe in Freiberg. 1890 ist er bereits Oberfinanzrat im sächsischen Finanzministerium, zwei Jahre später Geheimer Finanzrat. Ein deutscher Verwaltungsjurist und konservativer Kommunalpolitiker also. Und offenbar ein recht erfolgreicher, denn 1893 wird Beutler zum Dritten Bürgermeister Dresdens gewählt, kurz danach zum Zweiten Bürgermeister, im März 1895 zum Oberbürgermeister und wieder zwei Jahre später ernennen ihn die Stadtverordneten sogar zum „Bürgermeister auf Lebenszeit“. Das bedeutet, dass Beutler seinen Job politisch unabhängig von wechselnden Mehrheiten oder der Stimmung in der Bevölkerung ausüben und nicht einfach abgewählt werden kann. Steile Karriere mit gerade mal 44 Jahren …

Beutlers Verdienste um Dresden

Bürgermeister auf Lebenszeit wird man nicht mal eben so. Unter Otto Beutler entwickelt sich Dresden gewaltig, er macht die Stadt zur Großstadt. Während seiner Amtszeit werden 17 Stadtteile eingemeindet. Die Zahl der Einwohner wächst von 320.000 auf 530.000. Beutler bewirkt die Versorgung Dresdens mit elektrischem Strom, sorgt mit der Gründung einer Grundrenten- und Hypothekenanstalt für die Förderung des privaten Wohnungsbaus, weiht Markthallen, das Stadtkrankenhaus Johannstadt, das Güntzbad, das Krematorium in Tolkewitz, den städtischen Schlachthof im Ostragehege, das Neue Rathaus und eine solide Kanalisation ein und er kümmert sich um den Ausbau der Verkehrswege. Unter seiner Ägide wird 1895 die Carolabrücke, 1910 die erneuerte Augustusbrücke und 1913 der Flugplatz in Kaditz eröffnet.
Kurz gesagt: Beutler „Regierungszeit“ prägt Dresdens Stadtbild bis heute. An seiner Seite steht dabei Hans Erlwein, den Beutler 1904 nach Dresden holt. „Und zwar trotz Bedenken einiger Ratsleute, die die Divenhaftigkeit Erlweins ahnten. Dies traf auch zu. Aber Erlwein hat die Beutler-Ära architektonisch veredelt“, sagt Historiker Christoph Pötzsch.

Der Bürgermeister auf Lebenszeit gibt sein Amt freiwillig 1915 ab, wird im selben Jahr zum Ehrenbürger der Stadt ernannt. Am 1. August 1926, heute vor 100 Jahren, stirbt Otto Beutler. Sein Grab befindet sich auf dem Johannisfriedhof. Und eine Art Denkmal finden wir heute direkt an der Westseite des Italienisches Dörfchen – ein steinernes Abbild seines Kopfes über einem Wasserspiel, versteckt in einer ganzen Reihe von Porträts Dresdner Bürger unterhalb der Dachkante des markanten Gebäudes. Ein Kopf unter vielen Köpfen dieser Stadt…