Christoph Pötzsch geht am 3. Oktober bei einer Führung auf dem Urnenhain Tolkewitz dieser Frage nach. Die Führung ist eine besondere Benefizveranstaltung der Zeitung „DAWO! Dresden am Wochenende“ gemeinsam mit dem bekannten Dresdner Stadtführer und Historiker. Alle Erlöse gehen an die Stiftung Lichtblick der Sächsischen Zeitung.
Friedhöfe sind Orte, die man meidet. Schließlich sind sie in erster Linie durch Abschied, Schmerz und Trauer definiert. Doch sie haben eben auch noch eine andere Seite, die Historiker Christoph Pötzsch und DAWO Dresden am Wochenende am kommenden Samstag bei einer ganz besonderen Benefizführung über den Urnenhain Tolkewitz zeigen.
Eine kleine Sensation rund um die Oktoberrevolution
Worüber Christoph Pötzsch am 3. Oktober erzählen wird? Zum Beispiel über Dr. Alexander Helphand, der 1924 in Tolkewitz beigesetzt wurde. Er galt als der eigentliche Initiator jenes Aufstandes, der später als die Große Sozialistische Oktoberrevolution in die Geschichte einging. Durch seine Vermittlung floss viel deutsches Geld „für die Förderung der russischen Revolution“. Damit wollte sich das deutsche Kaiserreich einen Frieden an der Ostfront erkaufen, was letztlich durch Lenin klappte, nur zu spät. Dieses Kapitel der Weltgeschichte bekommt durch die Biografie Alexander Helphands eine neue Fassette. „Hier wird bei dieser Führung das eine oder andere Klischee etwas angekratzt werden“, verspricht Pötzsch.
Plöhn und Karl May
Eine andere, sehr emotionale Geschichte ist die des Fabrikanten Richard Plöhn. Dessen Grabstelle war bis vor wenigen Jahren noch unbekannt. Plöhn war ein enger Freund des Schriftstellers Karl May. Die Eheleute Plöhn und May hatten auf Grund ihrer engen Verbundenheit vereinbart, nach ihrem Tod in eine gemeinsame Grabanlage zu kommen – vereint auch nach dem Tod. Plöhn starb 1901, Karl May elf Jahre später.
Bis in die Zeit des Dritten Reiches hatten sie eine gemeinsame Grabanlage – bis die Nazis verlangten, dass die sterblichen Überreste Richard Plöhns, eines „Halbjuden“, aus der Nähe Karl Mays entfernt und anonym verscharrt wurden. Die Suche nach dieser unbekannten Stelle auf dem Dresdner Urnenhain wurde ein Krimi eigener Art, an der auch Christoph Pötzsch selbst beteiligt war.
Die Sekretärin von Otto Grotewohl
Das Grab von Elli Barczatis führt in die Zeit der frühen DDR. Sie war Sekretärin Otto Grotewohls, DDR-Ministerpräsidenten von 1949 bis 1964, und wurde von ihrem Lebenspartner genötigt, Informationen aus dem engsten Kreis der DDR-Führung an ihn weiterzugeben, der sie dann an Geheimdienste leitete. Durch einen Zufall wurde sie enttarnt, zum Tode verurteilt und hingerichtet. Das Gericht bekam bereits vor der Verhandlung die Weisung von Walter Ulbricht, dass die Todesstrafe auszusprechen sei.
Ein Krankenbehandler, kein Arzt?
Eine faszinierende Geschichte ist die des jüdischen Arztes Willy Katz. Er war ab 1939 der einzige zugelassene „Krankenbehandler“ in Dresden. Der Begriff „Arzt“ wurde ihm verwehrt. Man ließ ihn praktizieren, damit er die jüdischen Zwangsarbeiter behandelte, die durch die „arischen“ Ärzte abgewiesen wurden. Katz stand immer bei Behandlungen vor der Wahl zwischen Not und Elend. Schrieb er einen jüdischen Patienten gesund, ging es für diesen weiter mit der Zwangsarbeit. Schrieb er ihn weiter krank, konnte das dessen Todesurteil bedeuten.
Erst nach dem Krieg fand man heraus, wie tapfer und hilfsbereit sich Willy Kath verhalten hatte. Er versorgte jüdischen Patienten mit Medizin, die sie sonst nie hätten bekommen hätten. Er sorgte auch für Krankenhausaufenthalt seiner Patienten, was Juden damals nicht mehr zustand. Dazu fälschte er die Patientenakten. An sein heldenhaftes Handeln erinnert heute eine Gedenktafel am Ort seiner ehemaligen Praxis auf der Borsbergstraße wie auch der markante Grabstein auf dem Urnenhain.
Ganz besondere Führung
Alle Gelder, die durch Eintritt am 3. Oktober eingenommen werden, gehen 1:1 an die Stiftung Lichtblick der Sächsischen Zeitung. Sie wurde 1996 ins Leben gerufen und hilft seither Menschen, die in Not geraten sind. Allein im Spendenzeitraum November 2025 bis Januar 2026 spendeten knapp 7.500 Menschen und Institutionen aus unserer Region 773.991 Euro. Und in diesem Jahr soll auch ein Friedhof zu einem „Lichtblick-Ort“ werden.
Treff am 3. Oktober um 14 Uhr am Urnenhain Tolkewitz, Wehlener Straße 15, gegenüber Restaurant „Athen“, Eintritt 10€ p.P.