Alltag in den vergangenen Wochen: Der Wind pfeifft, dunkle Wolken künden vom nächsten Regenschauer und mit 18 Grad herrscht alles andere als Sommerwetter. Trotzdem steht die Ladentür des „Joe und Josie“ ein Stück weit offen und zusätzlich signalisiert eine Beachflag mit dem Schriftzug „Geöffnet“ davon, dass Kunden in den An- und Verkauf von Cornelia Hartwig kommen können.
Nur: Es kommt gerade kaum jemand. An manchen Tagen tendiert der Umsatz gegen Null. Und das schon seit Monaten. Was nicht am Angebot liegt, sondern an der Großbaustelle vor der Ladentür und damit an der Schwierigkeit, diesen und die anderen Läden auf der Einkaufsmeile überhaupt zu erreichen. Ein Fahrradhändler hat bereits aufgegeben, ein Frisör kehrt erst zurück, wenn die Straße wieder nutzbar ist. Die meisten anderen kämpfen ums Überleben. Trotzdem behält die 63-Jährige ihren Optimismus, schließlich haben DVB und Stadtverwaltung erst kürzlich verkündet, dass das geplante Ende der Baustelle im Dezember tatsächlich eingehalten wird.

Großbaustelle vor der Tür heißt „Hoffen auf Überleben“
Im März 2024 begann die Generalsanierung des Verkehrszuges Wehlener und Österreicher Straße. Seit März dieses Jahres haben Cornelia Hartwig und die anderen Ladenbesitzer die Baustelle direkt vor der Tür. Alles wird hier erneuert, sämtliche Medien in der Erde, die Gleise für die Straßenbahn, die Fahrbahndecke, die Fußwege und die Haltestellen. Rot-weiße Warnbaken sind die beherrschende Farbe. Immerhin: Wenige Meter vor ihrer Ladentür sind die unterirdischen Arbeiten beendet und die neuen Gleise liegen schon im neuen Asphaltbett. Und direkt vor ihrem Geschäft stehen die neuen Bahngleise schon im Schotterbett. Rund 42 Millionen Euro fließen in das Gesamtbauvorhaben. Die Stadt trägt davon nur 8,8 Millionen, den Rest steuern Land und Bund aus dem Aufbauhilfefonds bei, denn es handelt sich bei der grundhaften Sanierung um die Beseitigung der Flutschäden von 2013.
Durchhalten und mit einem Fest neu starten
Cornelia Hartwig, die ihren An- und Verkauf „Joe und Josie“ viele Jahre lang auf der Leubener Straße betrieb, zog nach einer privat bedingten Auszeit erst im Dezember 2023 an den neuen Standort auf der Österreicher Straße 29. „Der Laden hat mich gefunden“, sagt sie. Auch hier gibt es hochwertige Second Hand- und Festtagsbekleidung für Damen sowie Taschen, Schuhe und Accessoires. Zusätzlich, als ob sie es geahnt hätte, hat die Einzelhändlerin sich im Laden einen „Raum der Begegnung“ eingerichtet. „Das ist so ein Ort für die Seele“, sagt sie. Hier gibt es Schmuck, Kerzen, Dekoartikel und Büchlein mit Sprüchen und Texten für ein ganzheitliches, erfülltes und glückliches Leben. Und Vorträge, für die sich Cornelia Hartwig zum Beispiel Heilpraktikerinnen oder Coaches an Bord holt. „Das ist mir ganz wichtig: Dass wir alle gemeinsam durch diese schwierige Zeit kommen“, sagt sie.
Im Oktober letzten Jahres, als den Gewerbetreibenden klar war, was mit der Baustelle auf sie zukommt, haben sie sich mit einem Straßenfest unter dem Motto „Fahrt nicht fort, kauft vor Ort“ von ihrer Kundschaft verabschiedet. Nun denkt die Händlerin darüber nach, im Dezember mit so einem Fest wieder zu starten. Mit ihren Nachbarn Steffen Obst (Tee & Natur), André Dahms (Schreibwaren), Heike Stötzer (Heilpraxis) und einigen anderen hat sie schon gesprochen. Bis dahin hoffen alle auf das baldige Ende der Baumaßnahme und darauf, dass dann neben den treuen Stammkunden auch wieder die Laufkundschaft auf der Österreicher Straße zu finden ist. „Vergesst uns bitte nicht“, appelliert die 63-Jährige.
„Joe und Josie“, Österreicher Str. 29, geöffnet Di.-Fr. 11 bis 13.30 Uhr, Di./Do. 15 bis 18 Uhr, Sa. 10 bis 12 Uhr, www.joejosie.de