Berlin gilt seit Jahren als Deutschlands unangefochtene Startup-Hauptstadt, das Bild vom jungen Gründer im Prenzlauer Berg Coworking Space hat sich fest in den Köpfen verankert. Doch während Berlin auf Kapital und Skalierung setzt, ist in Dresden ein völlig anders geprägtes Ökosystem gewachsen, das inzwischen selbstbewusst mitmischt. Für welchen Gründertyp bietet welcher Standort tatsächlich die besseren Bedingungen? Die Antwort fällt deutlich differenzierter aus, als es der erste Blick vermuten lässt.
Berlin weiterhin Deutschlands führendes Startup-Ökosystem
Berlin bleibt trotz wachsender Konkurrenz aus München und eben auch aus Sachsen die unangefochtene Nummer eins und so wundert es nicht, dass immer mehr Startups Büros in Berlin anmieten, um dort richtig Fuß zu fassen. Fintech, Enterprise Software, Climate Tech, künstliche Intelligenz und E-Commerce bilden das Rückgrat der Branchenvielfalt der Stadt. Aus diesem fruchtbaren Boden sind zahlreiche Unicorns hervorgegangen, dazu kommen mehr als tausend VC-finanzierte Startups und eine sechsstellige Zahl an Arbeitsplätzen, die sich direkt dem Ökosystem zurechnen lassen. Wichtige Standortfaktoren wie die hohe Dichte an Universitäten, ein großer internationaler Talentpool und eine lebendige Community aus Investoren und Gründern verstärken diesen Vorsprung Jahr für Jahr zusätzlich.
Das unterscheidet Silicon Saxony von klassischen Startup-Ökosystemen
Silicon Saxony funktioniert anders als ein klassischer Startup-Hub. Als Branchenverband und Netzwerk für Mikroelektronik, Halbleiter und Software mit Sitz in Dresden verbindet Silicon Saxony seit seiner Gründung im Jahr 2000 mittlerweile mehrere hundert Mitgliedsunternehmen und Institutionen, von Halbleiterkonzernen bis zu kleinen Zulieferern. Aus diesem dichten Netzwerk ist Dresden zu Europas größtem Standort für Mikroelektronik herangewachsen. Jeder dritte in der EU gefertigte Chip trägt inzwischen den Stempel dieser Region, bei Leistungshalbleitern für die Automobilindustrie liegt der Anteil sogar noch höher. Diese Zahlen sorgen bei den meisten Menschen für echtes Staunen, denn das verbreitete Bild vom abgehängten Osten passt in diesem Fall einfach nicht.
Die Dimensionen der aktuellen Investitionen sprengen fast den Rahmen dessen, was man von einer ostdeutschen Mittelstadt erwarten würde. Infineon, GlobalFoundries und Bosch bauen ihre Werke massiv aus, hinzu kommt die neue ESMC-Fabrik, ein Gemeinschaftsprojekt von TSMC, Bosch, Infineon und NXP. Rund um die TU Dresden und die dortigen Fraunhofer-Institute entstehen zunehmend auch hardwarenahe Startups, die von dieser industriellen Dichte direkt profitieren. Die Kehrseite dieser rasanten Entwicklung zeigt sich beim Personal. Der Fachkräftemangel in Anlagentechnik und Halbleiterproduktion wächst fast so schnell wie die Investitionssummen selbst und bremst manches Wachstumsvorhaben spürbar aus.
Lebenshaltungskosten, Talentpool und internationale Sichtbarkeit im Vergleich
Beim nüchternen Blick auf die Zahlen landet man schnell beim Thema Geld. Dresden punktet mit spürbar niedrigeren Lebenshaltungskosten und günstigeren Büromieten als Berlin, ein handfester Vorteil gerade in der frühen Gründungsphase, wenn jeder Euro zählt. Alternativ geht der Trend dahin, dass viele Gründer ein sogenanntes Virtual Office mieten und so Kosten sparen. Beim Talentpool dreht sich das Bild allerdings um. Berlin zieht internationale Fachkräfte fast magnetisch an, während Sachsen mit dem eigenen Fachkräftemangel kämpft. Trotzdem wächst die Zahl der Neugründungen in Sachsen zuletzt überdurchschnittlich, wenn auch von einer deutlich kleineren Ausgangsbasis aus als in Berlin. Die Hauptstadtz bleibt dagegen die erste Adresse für digitale, kapitalintensive Skalierungsmodelle mit internationalem Anspruch und schnellem Wachstumstempo, gerade wenn Netzwerk, Investorenzugang und Sichtbarkeit über Erfolg oder Misserfolg entscheiden. Die Frage nach dem besseren Standort lässt sich deshalb kaum pauschal beantworten. Sie hängt fast vollständig vom eigenen Geschäftsmodell ab und macht damit den direkten Vergleich von Silicon Saxony und Berlin so aufschlussreich.