Der Alleswisser des Botanischen Gartens

Rudolf Schröder war lange Technischer Leiter des Botanischen Gartens. (Foto: Sven Ellger)

Seit seiner Jugend ist Rudolf Schröder der 200-jährigen Anlage verbunden.

Die Seiten in seinem Ordner sind schon ein wenig vergilbt, doch die handschriftlichen Tabellen aktualisiert Rudolf Schröder auch heute noch äußerst gewissenhaft. Gerade streift der 86-Jährige wieder aufmerksam durch den Botanischen Garten und macht sich Notizen. Mit seinem Ordner hat er vor über 40 Jahren damit begonnen, die Gehölze der Anlage zum ersten Mal systematisch zu erfassen. Was wächst wo? Wie hoch und breit ist die Pflanze? Und woher stammt sie?

Der Botanische Garten – stets ein magischer Ort

1975 war Schröder zum Technischen Leiter des Botanischen Gartens ernannt worden. Nicht nur für die Heizungen und Wege war er damit verantwortlich, sondern auch für die Bepflanzungen selbst. Alle Gärtner waren ihm unterstellt. Damit erfüllte sich für den Dresdner ein lang gehegter Traum.
Für ihn war dies stets ein magischer Ort gewesen. Ursprünglich hatte Heinrich Gottlieb Ludwig Reichenbach den Botanischen Garten im Jahr 1820 auf dem Gebiet am Hasenberg gegründet, zwischen Brühlscher Terrasse und der heutigen St. Petersburger Straße. Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Garten an seinen heutigen Platz verlegt, wo er auf rund drei Hektar Fläche mehr als 10 000 Pflanzen beherbergt.
Schon seit seiner Jugend war Schröder eng mit dem Garten verbunden gewesen. 1943 spazierte er als Zehnjähriger mit seinem Vater durch die Anlage, die zwei Jahre später bei den Angriffen auf Dresden von 19 Sprengbomben getroffen werden sollte.
„Den Druckwellen hielt damals keine Fensterscheibe stand“, sagt Schröder. Das majestätische Palmenhaus war von da an nicht mehr nutzbar. „Alle tropischen Pflanzen gingen ein. Zumindest einige der Kalthauspflanzen konnten aber gerettet und vorübergehend nach Pillnitz ausgelagert werden.“ Um an der Stübelallee überhaupt irgendetwas zeigen zu können, wurde eines der Anzuchthäuser zum Schauhaus umfunktioniert.
Zwei Jahre nach dem Krieg machte Schröder im Botanischen Garten seine Ausbildung zum Zierpflanzengärtner. Schon damals konnte er gar nicht genug über Pflanzen erfahren. In der Mittagspause schlang er schnell seine Mahlzeit hinunter, um dann noch genug Zeit zu haben, um auf Erkundungstour zu gehen.
Bis 1955 studierte Schröder Gartenbau in Pillnitz und wollte danach in den Botanischen Garten zurückkehren. Eigentlich sollte die Anlage in dieser Zeit noch einmal umziehen und damit vergrößert werden. Als die Pläne kurzfristig gestoppt wurden, war auch für Schröder zunächst kein Platz mehr. Der damalige Leiter Herbert Ulbricht versprach ihm jedoch per Handschlag: Komm in 20 Jahren wieder, und ich mache dich zum Technischen Leiter. Genau so sollte es kommen.

Erste Herausforderung: Erfassung der Pflanzen

Nachdem Schröder zunächst als Landschaftsgärtner und Berufsschullehrer gearbeitet hatte, schloss sich 1975 der Kreis. Zwar war Ende der 60er-Jahre nach einer Studienreform das Botanische Institut der TU Dresden aufgelöst worden – der Garten aber blieb erhalten. Eine von Schröders ersten Herausforderungen im Botanischen Garten war die Erfassung der Pflanzen. Dabei stellte sich heraus, dass auf dem kleinen Areal unter anderem sieben Birken und drei Rotbuchen wuchsen. „Dafür fehlten andere wichtige Pflanzen“, erinnert er sich.
Schröder war bekannt als penibler Arbeiter, der auch von seinen Gärtnern stets maximalen Einsatz erwartete. Bier während der Arbeit oder Bummeleien konnte er nicht ausstehen, genauso wenig wie Diebstähle der Besucher. Glücklicherweise gingen die mit den Jahren immer weiter zurück, nachdem zu DDR-Zeiten teilweise ganze Lkw-Ladungen an Orchideen entführt worden waren.
Mehr als zwei Jahrzehnte lang formte Schröder das Profil des Botanischen Gartens. Er öffnete ihn ganzjährig für Besucher und führte eine Spendenkasse ein.

Beim Tropenhaus-Bau mauerte der Chef mit

Als ab Ende der 70er-Jahre das heutige Tropenhaus gebaut wurde – ein klassischer Schwarzbau übrigens – war er nicht nur Bauleiter, sondern mauerte auch selbst eifrig mit. 1981 wurde das Haus eröffnet. 1998 ging Schröder in Rente, doch sein Rat wird bis heute geschätzt. Er gilt als wandelndes Lexikon, was die Pflanzen selbst und die Geschichte des Gartens angeht.
Keine Frage, Heinrich Gottlieb Ludwig Reichenbach wäre stolz auf ihn gewesen. An den Gründervater des Botanischen Gartens erinnern heute nur noch zwei knorrige Ginkgobäume nahe des Hauptweges. Vermutlich sind dies die einzigen beiden Pflanzen, die beim Umzug Endes des 19. Jahrhundert mitgenommen wurden und bis heute hier leben. (sz/hb)

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