Für viele ist es ein Zeichen der Wertschätzung, ihre pflegebedürftigen Angehörigen selbst zu versorgen. Die Pflegebedürftigen haben dadurch die Möglichkeit, im Schoße der Familie zu bleiben. Häufig wird jedoch unterschätzt, dass die Pflege eigener Angehöriger nicht nur körperlich, sondern auch psychisch herausfordernd sein kann. Der Prozess solch einer Erkrankung ist schleichend, denn im Laufe der Zeit werden die Pflegeaufgaben oft eher größer und man benötigt im Laufe der Pflege oft nach und nach immer mehr Zeit, denn die Zupflegenden werden in der Regel immer älter und damit meist auch immobiler. Oftmals nimmt die Pflege der Angehörigen die Pflegenden so stark ein, dass vieles bei ihnen selbst liegenbleibt und sich zu einer Belastung entwickeln kann. Hinzu kommen hier nicht selten auch noch finanzielle Sorgen, da die Pflegenden nicht mehr ihrem Beruf nachgehen können, was alles zusammen genommen, natürlich auch deren Psyche zusätzlich belastet. Nicht zuletzt hat man täglich den oft eher schlechten Gesundheitszustand, beispielsweise der eigenen Mutter, vor Augen, was zudem eher unbefriedigend ist und entmutigend wirken kann. Solche außergewöhnlichen Belastungen können im schlimmsten Fall dazu führen, dass auch der Pflegenden selbst aus der Bahn geworfen werden.
Wie konnte es nur so weit kommen? Das fragen sich pflegende Angehörige oft erst, wenn Körper und Seele schlapp machen, familiäre Spannungen zum Alltag gehören und sich auch Freunde allmählich zurückziehen. „Es war einfach gar keine Zeit mehr für mich übrig“, so oder ähnlich lauten häufig Äußerungen emotional Erschöpfter in der Pflege, was neben der großen physischen Anstrengung, ein möglicher Kollateralschaden durch zu hohe Belastung sein kann. „Solche Äußerungen hören wir oft“, sagt uns Martin Born von ATERIMA CARE in Frankenberg-Marburg. „Dann ist schnelle Hilfe angesagt“. Während die körperliche Zerschlagenheit meist mit Ruhe und Schlaf behoben werden kann, ist die emotionale Erschöpfung oft viel tiefgreifender, denn diese kann zum Verlust von Empathie und Lebensfreude führen und endet leider gar nicht so selten in einer Depressionen oder einem Burnout.
Erschöpfung oder Burnout?
Typische Zeichen für Erschöpfung sind Müdigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten und Gereiztheit. Wer dies an sich selbst feststellt, sollte möglichst umgehend reagieren und sich möglichst eine längere Erholungspause organisieren. Hat man die Warnsignale dann vielleicht doch überhört, erfordert die Überwindung solche eines Burnouts hingegen häufig umfassendere Veränderungen im eigenen Lebensstil. Leider ist ein sich auf leisen Sohlen kommender Burnout, nicht zuletzt aufgrund seiner stufenweisen Entwicklung, gar nicht so leicht für einen selbst zu erkennen. Beschrieben werden hier oft Überengagement, Zynismus, Rückzug aus persönlichen Kontakten, Antriebslosigkeit, aber auch vermehrte Konflikte im Umfeld bis zu einem Gefühl absoluter Leere und ganz unterschiedlichen körperlichen Beschwerden. Hier sollte unbedingt ärztliche Hilfe angefordert werden!
Rechtzeitiges Hinsehen
Entsprechende Fragen an sich selbst und ehrliche Antworten könnten dabei helfen, entscheidende Signale für ein Übermaß an persönlichen Belastungen zu identifizieren: Wie viel Zeit brauche ich täglich für die Pflege meines Angehörigen? Wie viel Zeit brauche ich eigentlich für mich und meine persönlichen Angelegenheiten? Welchen Teil der Pflege übernehme ich denn eigentlich konkret? Dazu zählt oft auch die Vorbereitung eines Arztbesuchs, die komplette Haushaltführung, die gesamte Korrespondenz, immer wieder Verhandlungen mit dem MDK, Pflege- und Krankenversicherungen und noch einiges mehr. Hat sich mein Leben und hat sich mein Umfeld in den vergangenen Monaten, möglicher Weise durch die Änderung der Lebenssituation, merklich verändert? Habe ich vielleicht wachrüttelnde, an mich gerichtete Hinweise überhört? Zuviel Beanspruchung bedeutet nicht nur die Vernachlässigung eigener Interessen, sondern hat in den meisten Fällen ebenso Einfluss auf die Qualität der Versorgung des pflegebedürftigen Angehörigen. Eine Bestandsaufnahme ist ein wichtiger Beitrag, sich bewusst zu werden wie hoch die persönliche Beanspruchung wirklich ist und dann vorbeugende oder lindernde Schlüsse daraus zu ziehen. Wer auf sich achtet, schützt also nicht nur sich selbst. Auch die Familie oder Freunde von pflegenden Angehörigen könnten die Warnsignale im Auge behalten. Oft fallen Außenstehenden die kleinen Hinweise und Veränderungen der Person schneller auf als einem selbst.

Strategien gegen Erschöpfung
Damit man das Risiko, durch totale Erschöpfung zu erkranken, für sich selbst überschaubar hält, gibt es doch auch einige Strategien und Ansätze. So könnte es für die Psyche, eines ohne Unterlass an seine Grenze gehenden Menschen, durchaus von Vorteil sein, Kontakt mit Menschen in derselben Situation, zu suchen. Man kann sich beispielsweise auch mit einer thematisch nahe liegenden Selbsthilfegruppe, vollkommen fremder Menschen connecten, die Hauptsache dabei ist, sie versteht mal irgendjemand. Dort kann sich endlich mal mit anderen ausgetauscht werden, die meist einen sehr ähnlichen Tagesablauf haben. Auch Online-Foren oder Beratungsstellen können helfen, wenn der Gang zu einer Selbsthilfegruppe als zu schwierig empfunden wird. Weiterhin könnten regelmäßige Entspannungstechniken, wie Yoga, Atemübungen oder Meditationen jeglicher Art dabei helfen, das angespannte Nervensystem immer wieder zu entspannen. Es ist ganz wichtig, dass man trotz der Pflege der eigenen Angehörigen, die auf denjenigen unbedingt angewiesen sind, sich selbst nicht vernachlässigt. Eine gesunde Ernährung, regelmäßige Bewegung und ausreichend Schlaf sollten unbedingt weiter beibehalten werden, ansonsten setzt der Pflegende seine eigene Gesundheit viel zu stark aufs Spiel.
Bemerkt der Pflegende selbst oder vielleicht wird auch von einem Außenstehenden festgestellt, dass die Belastung für ihn zu groß zu werden scheint, sollte man sich nicht scheuen, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Dabei könnte es bereits helfen, mit Freunden oder der Familie zu sprechen. Oft sind diese bereit einige Aufgaben zu übernehmen, wenn man klar kommuniziert, dass die eigene Belastungsgrenze erreicht ist. Wenn festgestellt wird, dass die Pflege nicht allein zu stemmen ist, könnte auch über professionelle Hilfe nachgedacht werden.