Kulinarisches Erbe der DDR-Kochqueen liegt jetzt in Dresden

Archiv der Kulinarik SLUB
Thomas Stern (l., SLUB, Deutsches Archiv der Kulinarik) schaut mit Lilly Böhm und Maraike Wittbrodt (Mitte und rechts, Enkelin und Tochter von Ursula Winnington) auf ausgewählte Sammlungsstücke aus deren Nachlass. Foto: SLUB Dresden/ Ramona Ahlers-Bergner

Das Archiv der Kulinarik in der SLUB bewahrt jetzt die über 150 Bücher umfassenden Kochbuch- und Arbeitsbibliothek von Ursula Winnington auf.

Sie war die „Kochqueen der DDR“, die mit ihren Kochbüchern und Kolumnen die große weite Welt in die Töpfe des kleinen sozialistischen Landes holte. Während Kurt Drummer vorwiegend deftige deutsche Küche vorkochte und selbst dabei zunehmend mit der Mangelwirtschaft zu kämpfen hatte, zeigte Ursula Winnington, dass es auch anders geht. Sie habe mit ihren Rezepten eine „Republikflucht in der Bratpfanne“ ermöglicht, schrieb die Journalistin Jutta Voigt im Jahr 2000. Im Laufe der Jahr sei sie „so etwas wie der Biolek der DDR geworden“, formulierte es Autor Manfred Gebhardt. Zwar musste die Köchin aus Leidenschaft auch mit den Widrigkeiten in Konsum und HO klarkommen. Doch mit Kreativität und Pragmatismus zeigte sie, dass Sojasoße und Bambus mit Erwa-Speisewürze und gelben Paprika aus Bulgarien oder Kohlrabi aus dem heimischen Garten ersetzt werden konnte. Dass Koriander, Kreuzkümmel, Zimtpulver, Pfefferkörnern, Muskat, Nelkenpulver und Kardamom eine scharf riechende „indische Gewürzmischung“ sein konnte und Mandeln fast so gut sind wie Cashewkerne.

Archiv der Kulinarik SLUB
Ursula Winnington Foto: Volkmar Otto

Reisen bildet, auch beim Thema Essen

Ihr kulinarisches Wissen veröffentliche Ursula Winnington – die staatlich geprüfte Landwirtin war, in Berlin Landwirtschaft studiert und an der Uni Rostock promoviert hatte – in zahlreichen Kochbüchern, sie schrieb Artikel für die Neue Berliner Illustrierte (NBI), Für Dich, Guter Rat oder die Sibylle und von 1976 bis 1991 die monatliche Kolumne „Liebe, Phantasie und Kochkunst“ im Magazin, dem begehrtesten Druckartikel in der DDR. Dabei beließ sie es nie bloß bei Rezepten, sondern vermittelte immer auch persönliche Anekdoten und gesellschaftliche Beobachtungen. Denn sie konnte viel reisen, schon in den 1950-/60er Jahren, und erst Recht seit der Ehe mit ihrem zweiten Mann Alan Winnington, einem in der DDR lebenden britischen Journalisten. Durch ihn kam sie auch zur britischen Staatsangehörigkeit und genoss bis zu dessen Tod 1983 weiterhin Reisefreiheit.

Vermächtnis in der SLUB

„In ihren Kolumnen ging es um antike Göttinnen, liebeshungrige Könige, Goethe, Shakespeare und Hildegard von Bingen, um französische Kochkunst, chinesische Zubereitungstechniken und immer um die aphrodisische Wirkung von Gewürzen. Es ging um weit mehr als Rezepte – es waren unterhaltsame, sinnliche Ausflüge in ersehnte, vergangene, verbotene oder verlorene Welten. Diese Geschichten sprengten die Grenzen der Durchreicheküche“, sagt ihre Enkelin Lilly Böhm 2025 im Beitrag „Wie meine Großmutter Ursula Winnington die DDR-Küche aufmischte – Mit Liebe, Fantasie und Kochkunst“.
Am 4. Mai letzten Jahres ist die Kochqueen der DDR mit 96 Jahren verstorben. Mit ihrer 150 Bücher umfassenden Kochbuch- und Arbeitsbibliothek hinterlässt sie ein Stück gelebte DDR-Kulturgeschichte. Ihr kulinarisches Vermächtnis wird nun im Archiv der Kulinarik in der SLUB Dresden aufbewahrt. Neben ihren Kochbüchern befinden sich darunter auch zahlreiche Publikationen, Leserbriefe sowie Fotografien und Korrespondenzen. Die Aufnahmen und Transkripte, die Lilly Böhm mit ihrer Großmutter führte, sind bereits seit 2025 hier katalogisiert und archiviert.

Das Deutsche Archiv der Kulinarik befindet sich in der Sächsischen Landes- und Universitätsbitliothek Dresden (SLUB) auf dem Zelleschen Weg 18.

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