Karl-May-Stück am Dresdner Staatsschauspiel

Götz Schubert als Dr. Karl May und Ahmad Mesgarha als Winnetou // Foto: Krafft Angerer/Archiv

Wem der Herrgott ein Pfund Verstand gegeben hat, der soll damit wuchern“, sagt Karl May (Götz Schubert) in jener Dresdner Inszenierung von Philipp Stölzl, die den Spuren der letzten Lebensjahre des berühmten Radebeulers folgt. Jan Dvorak nannte sein Stück dennoch nicht „Der Wucherer“, sondern „Der Phantast“.

Denn die unbändig wuchernde Fantasie dieses sächsischen Autors hat solche Legendengestalten wie Shatterhand und Winnetou geschaffen. Hat ihren Besitzer reich gemacht mit seinen Ich-Figur-Romanen. Dies ist bekannt, auch dass ihm der Ruhm wohl zu Kopfe stieg. Karl May ließ sich in Kostümen fotografieren – herrliche Szene im Studio, wo er den Henrystutzen kaum halten kann – und glaubte am Ende vielleicht selbst an seine Behauptungen, Kara Ben Nemsi, Doktor und Weltreisender zu sein.

Das Stück hätte auch „Aufstieg und Fall des Hochstaplers Karl May“ heißen können. Der Presserummel und die dekorativen Selbstdarstellungen in Heldenpose, in öffentlichen Auftritten ebenso wie privat, bedienten und überzeugten ein Publikum, das nach dem Geschmack der Wilhelminischen Ära genau dies erwartete. Doch May provozierte, trieb es zu bunt, es kam, wie es kommen musste.

Entlarvt, geriet der einstige Häftling aus Hohnstein-Ernstthal erneut in die Nähe der Justiz. Unter dem Eindruck jahrelanger Gerichtsverhandlungen suchte der schauspielerisch begabte deutsche Popstar nach einer neuen Rolle, um endlich sein „eigentliches Werk“ zu verfassen. „Mein Publikum ist die Menschheit in einem idealen Sinn.“

Die amüsanten zwei Stunden – leider ohne Pause, stattdessen hört man Cellosoli während der Umbauten hinterm Vorhang – würzt der Regisseur mit augenzwinkernder Spiellust – im Theater-Wallenebel fährt ein lebensgroße Pferdefigur vor – und Humor: „Winnetou kommt zu hören, wie der weiße Mann zum Singen sich findet.“ Und nach dem folgenden bierernsten Auftritt eines erzgebirgischen Männergesangsvereins: „Winnetou hat genug gehört.“

Gut recherchiert, bringt die Inszenierung selbst Kennern, die man im Dresdner Publikum vermuten darf, noch Neues: etwa wie Emma May (naiv, sächselnd, aus dem Korsett der Gattinrolle vor dem Vorhang ausbrechend: Nele Rosetz) und seine zweite Frau Klara (Laina Schwarz) mit der „beglückenden Pantoffelherrschaft“ und dem Irrsinn ihres Mannes umgegangen sind.

Schön herausgearbeitet ist, wie völkerverbindend Karl May im waffenklirrenden Deutschland mit seinen dunkelhäutigen Idolfiguren gewirkt hat. Verkörpert vom athletischen Ahmad Mesgarha, macht Winnetou nicht nur eine fabelhafte Figur, er übergibt seinen Schöpfer auch am Ende dem Großen Geist Manitou. Denn Jan Dvorak hat sein Stück im Untertitel „Leben und Sterben des Dr. Karl May“ genannt und den Satz eingebaut: „Ein Roman kann Leben retten.“

18.2.; 10., 23. und 25.3., 8. und 15.4., 1. und 6.5., jeweils 19.30 Uhr, 28.5., 19 Uhr, Karten ab 11 Euro unter Tel. 0351 4913555

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