Ein Stück, das an den Nerven zehrt

Sie spielen die Zwillinge in "Das große Heft" am Staatsschauspiel Dresden: Johannes Nussbaum, Moritz Kienemann (Foto: Sebastian Hoppe )

Dresden. Bedrückend. Ermüdend. Anstrengend. Die neueste Inszenierung „Das große Heft“ von Ulrich Rasche am Staatsschauspiel Dresden verlangt sowohl Zuschauer als auch Ensemble einiges ab.

Auf der Bühne: bis zu 16 Männer, die auf rotierenden Rundflächen im Takt schreiten und marschieren und das über fast vier Stunden. Es ist, als bewegen sich die Männer gegen das Leben, stets anmarschierend um den Herausforderungen im Alltag des Krieges zu begegnen.

Auf einer akustischen Folterbank

Die Zuschauer werden bereits zu Beginn des Abends in ihre Sessel gedrückt. Ein E-Bass in ohrenbetäubender Lautstärke heult auf. Zum Glück gab es an den Eingängen Ohrstöpsel für die ganz Empfindlichen, denn die Lautstärke an diesem Abend bleibt auf hohem Pegel. Die Erzählung von Ágota Kristóf die das Leben zweier Brüder in den Wirren der Zeit des 2. Weltkrieges erzählt, teilen sich bis zu 16 Schauspieler. Auf der Bühne drehen die Männer, im zweiten Akt halbnackt, auf zwei sich drehenden Rundbühnen, die wie überdimensionale Plattenteller wirken, ihre Kreise, brüllen allein oder chorisch. Als Zuschauer bekommt man schnell das Gefühl, den ganzen Abend auf einer akustischen Folterbank zu sitzen.

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Die zwei rotierenden Drehbühnen entfalten besonders in den Schlusssequenzen der Inszenierung ihre ganze Wirkung. (Foto: Sebastian Hoppe)

Der Abend zieht sich zuweilen sehr arg in die Länge. Das Stück an sich hätte Potenzial, nicht jeden Handlungsstrang über Minuten erzählen zu müssen. Rasche konzentriert sich aber nicht auf das Wichtigste, sondern zeichnet das Bild der Brüder in Gesamtheit. Wie sie sich in ihrer Welt behaupten, nach dem die Mutter sie zur Großmutter gegeben hat. Wie sie mit dem Leid umgehen, sich selbst Schmerzen und Leid zufügen oder in aller Detailtreue die sexuellen Erfahrungen ihrerseits mit anderen behandeln.

Kein Vergnügen für Zuschauer und Ensemble

Die stärksten Momente hat das Stück dann auch zum Ende des Abends, als viele Zuschauer laut und dröhnend wieder zurückgeholt werden in die Welt des Stückes. Als der Krieg dem Ende naht, Vergewaltigungen an der Tagesordnung sind. Oder die Mutter die Zwillinge zurückholen will. In den letzten Sequenzen entfalten auch die beiden runden Drehbühnen ihre Wirkung, als die Brüder letzten Endes auch optisch auf einmal jeder für sich allein kämpfen muss.

Nach fast vier Stunden geht ein anstrengender, aber auch irgendwie mitreißender Abend zu Ende. Der Zuschauer muss durchhalten und sich durch die viele zähen Szenen quälen. Ganz genau so, wie die Brüder durchs Leben. „Das große Heft“ ist kein Vergnügen. Es zehrt an den Nerven. An denen der Zuschauer. Und an denen der Darsteller auf der Drehscheibe des Lebens.


Weitere Infos:

„Das große Heft“
nach dem Roman von Ágota Kristóf
Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer in einer Fassung von Ulrich Rasche und Alexander Weise
Die nächsten Vorstellungen: 
Sonntag, 25. Februar, 19 Uhr, Große Bühne
Dienstag, 6. März, 19.30 Uhr, Große Bühne
Donnerstag, 22. März, 19.30 Uhr, Große Bühne
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