Mitten drin im Geschehen

Per Kopfhörer in die Vergangenheit zurückversetzt, erkunden Gäste die unterirdischen Festungsräume. Foto: Una Giesecke

Unter der Brühlschen Terrasse spielt ein begehbares 3D-Hörspieltheater.

Ach, wie hübsch unser Dresden doch ist“, plaudert eine Dame ins rechte Ohr. Man dreht sich um, doch statt sie zu sehen, kommt die Stimme nun von links. Per hochmodernem 3D-Audiosystem in die Vergangenheit zurückversetzt, erkunden kopfhörerbestückte Gäste die unterirdischen Festungsräume unterhalb der Brühlschen Terrasse.

Mehr als neun Millionen Euro und knapp drei Jahre Bauzeit hat der Freistaat in diese Inszenierung investiert. Das Ergebnis sei deutschlandweit einmalig, schwärmt Christian Striefler zur Eröffnung vor versammelter Presse. Stolz darf der Geschäftsführer der Staatlichen Schlösser, Burgen und Gärten Sachsen (SBG) durchaus sein. Denn der erste bauliche Eingriff seit 1577, um Strom und modernste Datentechnik, Toiletten und Barrierefreiheit hineinzubringen, ist erfolgreich gelungen. Sehen und hören lassen kann sich die Multimediashow auf jeden Fall, ob sie persönliche Rückfragen komplett verzichtbar macht, darf jeder selbst für sich entscheiden.

Das Eintauchen in Cyberwelten ist zwar nichts Neues, sondern seit den Achtzigern bekannt. Aber seit rund zehn Jahren gibt es laut Kurator Dirk Welich das Konzept der entdeckenden Teilhabe an historischen Orten. Und dieser hier ist echt. Die Festung wird zur Naturtheaterkulisse für eine einstündige Szenendramaturgie. Man spaziert von einer Station zur anderen, hört in der ehemaligen Wachstube dem Männergerangel am Würfeltisch zu oder lässt sich vor der Haftzelle vom prominenten Gefangenen Lips Tulian um Fluchtbeihilfe anflehen. Dass der Galgen dieses Räubers nicht auf dem Marktplatz, sondern vor Dresdens Toren, auf dem heutigen Alaunplatz, stand – geschenkt, es ging den Machern ja nicht um Buchstabentreue, sondern um Emotionen. Und die fühlt man mit, etwa wenn man jenen jungen Rekruten belauscht, der vor Angst und Erschöpfung schlottert, oder wenn man sich unversehens in kichernden Hofklatsch verwickelt sieht. Man schaut Friedrich Böttger ungläubig beim Entwickeln seltsamer Formeln zu, oder man findet sich im Albtraum des Kurfürsten Moritz wieder, dessen Geist übrigens durch die gesamte Vorstellung spukt.

Zum Hörspiel samt Geräuschen und Musik laufen von Hochleistungsbeamern projizierte Bilder über Decken, Wände und Fußböden, fast steigt einem der vorgestellte Pulverdampf, der Brandgeruch oder Latrinengestank in die Nase. Ach, wie hübsch unser Dresden doch ist.

UNA GIESECKE

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