Nachgefragt im Fernmeldemuseum: Was bitte ist ein Hufeisentelefon?

Fernmeldemusuem
Andreas Klinke (mit dem Hufeisentelefon von 1878) und Hans-Jürgen Träber mit dem abhörsicheren Telefon, wie es zu DDR-Zeiten gebaut wurde. Fotos: Pönisch

Wer in die Welt der Telefonie eintauchen will, sollte unbedingt ins Fernmeldemuseum Dresden kommen. Selbst Laien werden hier für das historische Fernmeldewesen zu begeistern sein.

Bleimuffe mit Zwiebel. Schrumpfmuffe. Prüfknochen. Mutteruhr. Vermittlungsschrank. Hufeisentelefon. Eine Mausefalle, die eigentlich ein Zweitwecker ist, aber nichts mit dem Wecker auf dem Nachttisch zu tun hat. Solche Begriffe fliegen einem nur so um die Ohren im Fernmeldemuseum Dresden auf der Annenstraße 5 ganz nah am Postplatz.


„Interessant, was mal verband“ ist das Motto dieses gar nicht so kleinen Museums, das in erster Linie natürlich alle Fans von Fernmeldetechnik in höchste Begeisterung und Verzückung versetzen dürfte angesichts der unzähligen Exponate. Wie viele Apparate, Geräte und Anlagen überhaupt zu sehen sind? Andreas Klinke, in der Interessengemeinschaft Historische Fernmeldetechnik e.V. für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig, kann diese Frage spontan gar nicht beantworten. „Es sind auf jeden Fall mehrere tausend“, schätzt er.


Dazu gehören zum Beispiel unzählige historische Telefone wie der ZB-SA Tischfernsprecher mit „Schlagringnummernschalter“. „Das war das erste Telefonmodell mit Wählscheibe“, sagt Andreas Klinke. Wo man so etwas eigentlich heutzutage noch herbekommt? „In diesem Fall stand vorletztes Jahr eine Familie aus Berlin vor unserer Tür, das Auto voller Fernmeldetechnik. Gefunden hatten sie das auf dem Dachboden im Haus des verstorbenen Opas. Der hatte 1905 bei der Deutschen Reichspost gelernt und so einiges aufgehoben.“


Eine gehörige Portion Zufall und ein geschultes Auge lassen oft auch IG-Mitglied Hans-Jürgen Träber fündig werden. So entdeckte er eines Tages auf der Elektronikbörse in der TU Dresden ein ziemlich abgenutztes Telefon mit extra dickem Hörerkabel und wusste sofort: Das Ding ist abhörsicher. Denn Träber wie auch die meisten anderen Mitglieder der Museums-IG sind gelernte Fernmeldetechniker, wurden später oft als Ingenieure zu Experten in Sachen Nachrichtenübertragung zuerst bei Deutscher Post, dann bei Bundespost und Telekom. Und so steht der innen vergoldete, komplett geerdete und damit abhörsichere russische Regierungsapparat heute in der „Stasi-Vitrine“ im Fernmeldemuseum. Gleich darunter findet sich ein Geschenk der Dresdner Polizei: drei grüne Geräte, die etwas moderner, weniger abgenutzt, aber genauso abhörsicher waren und bis Mitte der 1990er Jahre noch zuverlässig ihren Dienst taten.


Fast alle Geräte und Anlagen noch in Funktion


Besonders technisch geht es im Technischen Betriebsraum in der oberen Etage des Museums zu. Hier reiht sich Gestellreihe an Gestellreihe, die älteste von 1922, alle noch voll funktionstüchtig und einst für die Vermittlung von Telefonaten im Einsatz. Hier stehen aber auch Fernschreiber aller Art und sogar eine aus alten Filmen bekannte Vermittlungsanlage. „Wussten Sie, dass das mal eine reine Männerarbeit war“, fragt Jürgen Kühnel. Vor dem „Fräulein vom Amt“ war die Gesprächsvermittlung reine Männersache. „Erst als diese in den Krieg ziehen mussten, durften Frauen an die Technik.“ Und ja, nur solange sie Fräulein waren. Bei Heirat drohte Karriere-Ende. Kühnel, der Besucher gern durch diese Museumsabteilung führt, weiß stundenlang zu erzählen und erklären und ist natürlich stolz darauf, dass auch diese „Stöpselanlage“ noch funktioniert.


Das Fernmeldemuseum wurde 1999 eröffnet, die IG zählt um die 85 Mitglieder und hat sechs Arbeitsgruppen. Zwei davon werden übrigens von Frauen geleitet. Jeden ersten Samstag im Monat hat das Museum geöffnet und wer wissen will, was sich hinter Schrumpfmuffe, Mutteruhr und Prüfknochen verbirgt, muss einfach nur herkommen und Zeit mitbringen. Der Besuch lohnt sich auf jeden Fall. Verraten sei nur sovie: Das Hufeisentelefon heißt so, weil irgend ein technisches Bauteil in Form eines Hufeisens verbaut ist und wohl damals eine kleine Revolution darstellte. Aber besser erklären können das Andreas Klinke, Hans-Jürgen Träber, Jürgen Kühnel und all die anderen Mitglieder der IG Historisches Fernmeldewesen.

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