Annenfriedhöfe in Dresden bangen um ihren Erhalt und starten eine Petition
Vier kommunale Friedhöfe und ein Krematorium, 49 evangelisch-lutherische, zwei katholische und zwei jüdische Friedhöfe – in Summe gibt es in Dresden 58 Friedhöfe und damit so viele wie in keiner anderen Stadt außer Berlin. Der Heidefriedhof ist einer der größten Waldfriedhöfe, der Johannisfriedhof in Tolkewitz mit seinen prunkvollen Grabmalen ist bekannt als „Schönster Friedhof Deutschlands“, gleich daneben befindet sich eine einzigartige Urnenhainanlage mit dem 1911 gebauten Krematorium und auf dem Alten Katholischen Friedhof an der Friedrichstraße ruhen berühmte Persönlichkeiten wie Carl Maria von Weber, Balthasar Permoser, Gerhard von Kügelgen sowie Johann Baptist Casanova, Bruder des weltberühmten Frauenverstehers und Herzensbrechers Giacomo Casanova.
Was sind uns unsere Friedhöfe wert?
Die meisten Dresdner Friedhöfe sind heute längst mehr als nur Begräbnisstätten unserer Vorfahren. Sie sind grüne Oasen der Ruhe und Schönheit. Sie sind bedeutende Kulturräume, reich an Kunsthandwerk und stadtgeschichtlich wertvollen Denkmalen. Sie sind nicht zuletzt wertvoll für Artenschutz und Stadtklima mit zahlreichen seltenen Tierarten und uralten Bäumen. Doch was sind uns unsere Friedhöfe heute noch wert?

Am Beispiel der beiden Dresdner Annenfriedhöfe wird ein Dilemma sichtbar. „Eigentlich müssten wir Eintritt verlangen“, seufzt Friedhofsleiterin Lara Schink über die Situation der beiden Begräbnisstätten in Löbtau und Südvorstadt. Denn die stehen vor enormen finanziellen Problemen. Deshalb sieht sich die Friedhofsverwaltung nun das zweite Jahr in Folge gezwungen die Gebühren zu erhöhen – verbunden mit großem Unwillen die bereits jetzt hohe finanzielle Belastung von Angehörigen im Sterbefall weiter zu erhöhen. Um auf die Schieflage bei der Finanzierung hinzuweisen und in der Stadtverwaltung ein Umdenken zu erwirken, sind derzeit Banner auf beiden Annenfriedhöfen zu finden und der Friedhofsträger hat eine Petition gestartet.
„Die vielen Bemühungen in den vergangenen Jahren mit Öffentlichkeitsarbeit, zeitgemäßen Grabangeboten, Kulturangeboten, Naturschutzmaßnahmen, Extensivierung von Pflege und vielem mehr haben zwar geholfen, die Annenfriedhöfe zukunftsfähig zu machen. Die Herausforderungen sind jedoch uneinholbar groß geblieben: jahrzehntealter Sanierungsstau, zurückgegangene Bestattungszahlen, der Wandel der Bestattungskultur zu immer anonymeren Bestattungsformen. Das alles hat dafür gesorgt, dass neben dem Abarbeiten des Sanierungsstaus auch die laufende Unterhaltung für den Friedhofsträger zunehmend nicht mehr aus eigener Kraft zu leisten ist“, so Lara Schink.
So habe zum Beispiel die seit vielen Jahren überfällige Sanierung der Feierhalle auf dem Neuen Annenfriedhof in Kombination mit einer geringen und viel zu späten Fördermittelfreigabe seitens Freistaat und Kommune den Friedhofsträger finanziell stark belastet. In dem denkmalgeschützten Raum lösten sich zuvor große Putzbrocken, große Risse durchzogen die Decke und die Wände und die Halle ließ sich weder heizen, noch lüften. Im Inneren der Wände brannten nach und nach die alten Aluleitungen durch – der Handlungsbedarf war dringend und groß, die Halle für die würdige Verabschiedung Verstorbener unverzichtbar.
Friedhöfe zu erhalten kostet Geld
Gestorben wird immer, die Bestattungsbranche ist eine sichere Branche, sagt man landläufig. Das mag stimmen. Doch die Bestattungskultur hat sich grundlegend gewandelt. Urnenbeisetzungen und anonyme Begräbnisse sind hierzulande weit verbreitet. Die zum Teil flächenmäßig großen Friedhöfe sind längst nicht mehr ausgelastet. Dennoch kosten Erhaltung und Pflege viel Geld.
Die Friedhofsträger sind deshalb zunehmend auf eine angemessen hohe und vor allem kontinuierliche Unterstützung durch die Kommune angewiesen – nicht nur projektbezogen, sondern auch bezogen auf die Kompensation des sogenannten „grünpolitischen Wertes“ der Anlagen. Mit dem 2018 beschlossenen Friedhofsentwicklungskonzept hat sich die Stadt Dresden zum Erhalt der Stadtteilfriedhöfe bekannt und diese gleich im ersten Leitsatz mit Park- und Grünanlagen gleichgestellt: „Primär sind Friedhöfe würdige Bestattungsorte und werden durch Gebühren finanziert. Die Friedhöfe sind in ihrem sekundären Nutzen mit steuerfinanzierten Park- oder Grünanlagen vergleichbar.“
Doch Lara Schink kritisiert: „Diese Konzept ist bis heute nicht mit einer dauerhaft erhöhten Finanzierung der Friedhöfe in Dresden verbunden. Derzeit erfolgt allenfalls eine projektbezogene Förderung, keine dauerhafte Unterstützung bei der Unterhaltung.“ Für ihren eigenen Erhalt und eine stabilere Finanzierung haben die Annenfriedhöfe deshalb nun eine Petition initiiert und hoffen, dass die Stadtverwaltung sich dafür einsetzt und damit auch indirekt stabile und gerechte Friedhofsgebühren für die Menschen in den betroffenen Stadtteilen sicherstellt. „Wie stehen hier exemplarisch für eine Reihe von Friedhöfen, bei denen das bisherige Finanzierungsmodell nicht mehr tragbar ist.“ Es brauche dauerhafte Lösungen , möchte man die 2020 als immaterielles Kulturerbe ausgezeichnete Friedhofskultur in Deutschland nicht verlieren, sagt die Leiterin der Annenfriedhöfe, die auch Sprecherin des Netzwerks Dresdner Stadtteilfriedhöfe ist.
Hier geht’s zur Petition der Annenfriedhöfe
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