Stresshormone runterfahren – Zusammenhang zwischen kreativem Gestalten und Cortisolspiegel

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Kann eine einzige kreative Auszeit den Stresspegel messbar senken – und zwar so, dass in unserem Körper messbar etwas passiert? Die Idee ist verführerisch: Statt noch eine Fitness-App oder dem X-ten guten Neujahrsvorsatz, reicht vielleicht ein banales Blatt Papier, ein Pinsel und etwas Farbe. Doch bevor man aus einer Studie gleich ein Wundermittel macht, lohnt ein Blick darauf, was Cortisol eigentlich ist, wie man es misst – und was Forschung zu kreativem Gestalten tatsächlich nahelegt.

Wer kein wirklicher Kunst Fan oder Bastelfreund ist, steigt zum Beispiel am leichtesten über so was wie Malen nach Zahlen ein: Das Motiv ist vorgegeben, die Felder sind nummeriert, und man muss nicht zeichnen können oder erst mal überlegen, was man denn eigentlich malen sollte. Gerade diese Struktur ist psychologisch spannend. Sie senkt die Einstiegshürde „Ich kann das nicht“ und verwandelt seine Unkreativität in eine überschaubare, angenehm repetitive Aufgabe. Für viele ist das genau die Art Beschäftigung, bei der der Kopf aufhört, To-do-Listen durchzuspulen, weil die Aufmerksamkeit automatisch auf das kleine Gesamtwerk, das nächste Ausmalfeld gerichtet ist. Und wenn Forschung Stressreduktion durch Gestalten untersucht, geht es oft gar nicht darum, wer das beste Ergebnis produziert – sondern darum, was Konzentration, Sinneseindrücke und Erfolgserlebnisse im Körper alles so auslösen können.

Cortisol kurz erklärt

Cortisol ist ein Hormon, welches unter anderem in der Nebennierenrinde gebildet wird und Teil unserer Stressreaktion ist. Es hilft dem Körper, Energie bereitzustellen, Entzündungen zu regulieren und in belastenden Situationen leistungsfähig zu bleiben. Cortisol ist also nicht der „Bösewicht“ – problematisch wird es eher, wenn der Cortisol Haushalt dauerhaft aus dem Takt gerät, etwa durch chronischen Stress, schlechten Schlaf oder dauerhaft fehlender Erholung. Wichtig: Cortisol hat einen ausgeprägten Tagesrhythmus. Morgens ist es typischerweise höher, im Verlauf des Tages sinkt es ab. Das bedeutet: Wenn eine Studie einen Rückgang nach einer Aktivität misst, muss man immer fragen, ob dieser Rückgang über das normale Absinken hinausgeht. Dazu kommen viele Faktoren, die Cortisol Werte beeinflussen können: Schlafqualität, Koffein, Sport, akute Belastungen, Medikamente, Erkrankungen, sogar der Zeitpunkt der Messung und wie standardisiert die Bedingungen sind. Deshalb sind Cortisol-Studien spannend, aber auch empfindlich: Sie liefern Hinweise, keine endgültigen Urteile über „das eine Ding, das Stress heilt“.

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Forschungsergebnisse hierzu

Wenn Forschung das kreative Gestalten mit dem optionalen Stressabbau im Zusammenhang überprüfen möchte, wählen Wissenschaftler oft ein relativ simples Studiensetting: Studien-Teilnehmer kommen in einen Raum, geben eine Speichelprobe ab (Speichel ist beliebt, weil er unkompliziert und nicht-invasiv ist), gestalten anschließend eine bestimmte Zeit, häufig so um die 45 Minuten und geben danach erneut eine Probe ab. Die kreative Aufgabe kann variieren: freies Malen, Collage, Ton, Zeichnen, manchmal auch angeleitete Formen. Entscheidend ist weniger die Kunstform als die Aktivität: malen, formen, kneten, ausschneiden, konzentrieren und wahrnehmen. Viele solcher Untersuchungen fragen nicht nur nach Hormonwerten, sondern auch nach dem subjektiv wahrgenommenen Erleben: Wie gestresst fühlst du dich vor und nach der Session? Wie angenehm oder anstrengend war die Umsetzung? Hattest du das Gefühl, „im Tun einzutauchen oder direkt darin zu verschwinden“? Diese Kombinationen sind wichtig, weil Stress sowohl körperlich als auch mental wirkt. Eine Veränderung des Cortisol-Spiegel kann sich anders anfühlen, als man es erwartet und umgekehrt kann man sich deutlich besser fühlen, ohne dass ein einzelner Biomarker spektakuläre Ausschläge zeigt.

Was daraus abzuleiten ist?

Wenn Studien berichten, dass nach kreativem Gestalten Cortisol im Durchschnitt sinkt, ist das ein interessantes Signal: Kreativität könnte als kurze Intervention eine messbare Entspannungsreaktion unterstützen. Aber der Teufel steckt im Detail. Erstens sind Effekte oft moderat und nicht bei allen gleich stark zu bemerken. Einige Menschen starten schon mit relativ niedrigen Werten, andere kommen gestresster an. Zweitens spielt die Tageszeit eine Rolle: Nachmittags und abends fällt der Cortisol-Spiegel ohnehin. Drittens ist eine einzelne Sitzung kein Beweis für langfristige Veränderung. Es ist eher wie ein Blick auf eine Momentaufnahme: Der Körper reagiert möglicherweise auf eine Pause, in der Aufmerksamkeit, Sinneseindruck und Selbstwirksamkeit zusammenkommen. Die sinnvollste Interpretation lautet daher: Kreatives Gestalten kann ein Teil eines Erholungsrepertoires sein, doch kein Ersatz für Schlaf, soziale Unterstützung oder medizinische Hilfe, aber ein alltagstaugliches Werkzeug. Gerade weil es niedrigschwellig sein kann, ist es für viele leichter durchzuhalten als anspruchsvollere Stressprogramme, die anfangs schon wieder Druck erzeugen.

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Warum Kreativität Stress senken kann

Warum könnte ein kreativer Prozess überhaupt Einfluss auf Stress haben? Es gibt mehrere plausible psychologische Mechanismen und die müssen nicht mystisch sein. Vier plausible Mechanismen:

  1. Aufmerksamkeitsfokus statt Grübeln. Viele Stressspiralen entstehen, weil Gedanken kreisen: Was habe ich vergessen? Was kommt morgen? Was, wenn…? Gestalten bindet Aufmerksamkeit an konkrete Reize und Handlungen. Ein Pinselstrich ist hier, jetzt. Das reduziert kognitiven Lärm.
  2. Flow durch klare Ziele. Flow beschreibt den Zustand, in dem man völlig in einer Tätigkeit aufgeht. Er entsteht besonders leicht, wenn die Aufgabe klare Ziele bietet und die Schwierigkeit gut zum eigenen Können passt. Strukturierte Kreativformen – wie Malen nach Zahlen – können Flow begünstigen, weil man genau weiß, was der nächste Schritt ist.
  3. Kontrolle und Abschluss. Stress fühlt sich oft nach Kontrollverlust an. Ein Bild, das sichtbar voranschreitet, liefert das Gegenteil: Fortschritt, Ordnung, ein Anfang und ein Ende. Dieses „Ich habe etwas geschafft“ wirkt regulierend.
  4. Emotionsregulation ohne Worte. Nicht jede Anspannung lässt sich gut aussprechen. Kreatives Tun erlaubt Ausdruck über Farben, Formen, Tempo. Man verarbeitet, ohne dass man alles benennen muss.

Malen nach Zahlen für Erwachsene?

Wenn du das Prinzip „45 Minuten kreativ“ praktisch selbst mal testen willst, ist Malen nach Zahlen für Erwachsene ein besonders guter Startpunkt, gerade für Menschen, die sich sonst nicht als kreativ bezeichnen. Du musst keine Idee finden, keine Komposition planen, nicht improvisieren. Stattdessen setzt du dich hin und beginnst und so wird daraus ein echtes Anti-Stress-Ritual:

  • Wähle ein Motiv mit mittlerer Komplexität. Zu detailliert kann überfordern, zu simpel langweilen. Beides killt Flow.
  • Stell einen Timer (20–45 Minuten). Ein klares Zeitfenster nimmt Druck und macht den Einstieg leichter.
  • Schaffe eine kleine „Reibungsfreiheit“. Wasser, Tuch, gutes Licht, Handy außer Reichweite.
  • Setze ein Mini-Ziel. Zum Beispiel: „Heute nur Farbe 7“ oder „ein Bereich fertig“. Das verhindert Perfektionismus.
  • Beobachte deinen Körper. Atmest du flacher? Kieferspannung? Schultern hoch? Beim Malen bewusst lockern.

Wer mag, kann die Erfahrung sogar wie ein kleines Experiment behandeln: Vorher kurz auf einer Skala von 1 bis 10 notieren, wie gestresst man sich fühlt, und danach erneut. Das ist keine Laborstudie – aber es schult Wahrnehmung und zeigt, ob es für dich funktioniert.

Die Wirkung darf auch ganz leise sein

Die Forschungsidee dahinter ist plausibel: Kreatives Gestalten kann kurzfristig zur Stressreduktion beitragen, möglicherweise auch messbar über Cortisol. Gleichzeitig gilt: Nicht jeder spürt sofort einen „Wow“-Effekt, und ein Biomarker ist nicht die ganze Geschichte. Manchmal ist die Veränderung subtil: Der Kopf ist abends etwas ruhiger, das Einschlafen leichter, die Stimmung stabiler. Wenn du dauerhaft erschöpft bist, schlecht schläfst oder ständig „auf Alarm“ läufst, ist kreative Selbsthilfe nur ein Baustein – und professionelle Unterstützung kann wichtig sein. Aber als alltagstauglicher Einstieg in Erholung ist Malen nach Zahlen erstaunlich stark, denn es strukturiert, ist beruhigend, jeder Zeit erreichbar und manchmal ist genau das die beste Medizin gegen Stress, eine Tätigkeit, die nicht noch mehr Leistung fordert!

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