Wer tief in die deutsche Geschichte der Schaustellerei eintauchen will, beginnt am besten mit Erzbischof Lull, auch Lullus genannt. Der gründete einst in Hessen die Stadt Bad Hersfeld, wobei es sich damals im Jahr 769 erst einmal nur um ein Benediktinerkloster handelte. Aber unter Herrn Lull wurde daraus zuerst ein religiöses Zentrum und später eine Stadt. Offenbar war der Erzbischof bei den Menschen sehr beliebt, denn seit 852 wird ihm zu Ehren das Lullusfest gefeiert und damit gilt es als eins der ältesten Volksfeste Deutschlands.
Hierzulande können die Annaberger Kät und die Dresdner Vogelwiese immerhin auf eine über 500 Jahre alte Tradition zurückblicken. Die Kät im Erzgebirge hat ihren Ursprung im Jahr 1520. Ein Jahr zuvor war hier eine Wallfahrt zur Sankt Trinitatiskirche veranstaltet worden, daraus entstand das Kirchweihfest zum Trinitatistag und daraus das größte Volksfest im Erzgebirge. Die Dresdner Vogelwiese ist noch viel älter, sie lässt sich bis ins 15. Jahrhundert zurückverfolgen und war einst eine Schießveranstaltung, bei der man sich Pfingsten zum Wettschießen trafen. Zur allgemeinen Beruhigung: Man(n) schoss damals mittels Armbrust auf einen Holzvogel.
Immaterielles Kulturerbe mit sehr langer Tradition
Ob es nun Rummel, Vogelwiese, Kirmes, Kät, Dom, Dippesmarkt, Kirchweih, Jahrmarkt, Schützenfest, Dult oder Kerwe heißt – das Vergnügen mit Achterbahn und Riesenrad, Karussells, Losbuden, Autoscooter und Geisterbahn ist seit Ende März Immaterielles Kulturerbe.
Mit der Entscheidung würdigt die Deutsche UNESCO-Kommission die Arbeit der rund 5.600 Schaustellerfamilien und die Bedeutung der seit rund 1.200 Jahren gelebten Volksfestkultur in Deutschland. „Volksfeste sind nicht nur Orte des Vergnügens, sie sind Erinnerungen an Kindheit, an leuchtende Augen, an den Duft von gebrannten Mandeln und das Gefühl von Gemeinschaft. Hinter all dem stehen Schaustellerfamilien, die oft seit Jahrzehnten – manchmal seit Jahrhunderten – ihr Leben dieser besonderen Kultur widmen. Sie reisen, sie bauen auf, sie schaffen Momente, die Menschen zusammenbringen. Und sie bewahren damit ein Stück Identität, das man nicht digitalisieren oder ersetzen kann. Die Anerkennung der Schaustellerkultur auf Volksfesten als Immaterielles Kulturerbe ist mehr als ein symbolischer Akt – sie ist ein Zeichen der Wertschätzung für eine lebendige Tradition, die Generationen verbinden“, würdigt Sachsens Kulturministerin Barbara Klepsch.
Natürlich ist die Schaustellerzunft sehr stolz auf die UNESCO-Entcheidung. Mike Borowsky, 1. Vorsitzender des Dresdner Schaustellerverbandes, bezeichnet die Aufnahme der Schaustellerkultur in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes als große Ehre. Volksfeste seien weit mehr als Unterhaltung – sie sind lebendige Orte der Begegnung, an denen Traditionen weitergegeben werden und Gemeinschaft entsteht. „Wir verstehen uns als Kleber der Gesellschaft, um die Menschen zusammenzuhalten und auch in schwierigen Zeiten Freude und Ablenkung zu bringen.“ Hinter dieser Kultur stünden tausende Schaustellerfamilien, die mit Herzblut, Können und Engagement ihre Werte bewahren und zugleich immer wieder neu beleben. „Die Auszeichnung ist für uns Anerkennung und Ansporn zugleich, diese lebendige Tradition auch in Zukunft weiterzuführen“, sagt Mike Borowski.
In Dresden wird der Rummel vom 4. April bis 3. Mai gastieren – mit dabei u.a. Break Dance, Flipper, Aqua King, Loop Fighter, Heart Breaker, Musikexpress, Babyflug und Mausefalle.
Hinterlasse jetzt einen Kommentar