Dystopie am Dresdner Staatsschauspiel

Albrecht Goette (li.) als liebenswerter Holle und Benjamin Pauquet als eulenspiegelnder August Foto: Matthias Horn

„kein Land. august“ mit Betonung auf der ersten Silbe klingt wie „kein Ort, nirgends“. Ob Thomas Freyer mit seinem Stücktitel Bezug auf Christa Wolfs Text nehmen wollte, erfährt der Zuschauer der Inszenierung Jan Gehlers am Staatsschauspiel Dresden zwar nicht. Doch er wird an Orte geführt, die es so nirgends gibt. Seine schaurig-schmuddlig kostümierten Figuren sind zum Nichtsterbenkönnen verurteilt, was sie in Krankheit, Herrschsucht oder Zynismus treibt. Antje Trautmann, Anna-Katharina Muck oder Matthias Luckey geben all dies mit schwarzhumoriger Distanziertheit zum Besten.

Warum das Staatsschauspiel eine so niederschmetternde Dystopie in Auftrag gab, erfährt der Zuschauer nicht. Für sein Eintrittsgeld bekommt er in knapp zwei Stunden ohne Pause eine morbide, triste Welt geboten. Sie steckt voller absurder Figuren einer geschlossenen Gesellschaft, die der von Aussichtslosigkeit getriebene junge Titelheld verlässt, um auf der Suche nach seinem unbekannten Bruder außerhalb seines trostlosen Herkunftslandes nicht minder verrückten Existenzen (Albrecht Goette gibt den Penner Holle mit Charme) über den Weg zu laufen.

Die Verdammten dieser Erde

Mit den Verdammten dieser Endzeit-Erde schrubbt August sodann Klos und erfährt: „Arbeit macht müde, da muss man nicht nachdenken, weil es nichts ändert… Fresse halten. Mach, was sie sagen.“ In der Fremde hört August, was Heimat sei: „ein Dreck, der liegen bleibt, wenn einer geht“. Er wird herumkommandiert, angekettet, vertrieben, flieht wieder. „Bist du für die Sache?“, wird er gefragt. „Welche?“ – „Unsere.“

Natürlich lässt diese Reise – aus dem einen ins andere Niemandsland und wieder zurück zum Zwillingszerrspiegel, erneut fort ins Ungewisse – allerlei Assoziationen zu. Gerade die Verortung im Nirgendwo und Irgendwann zeigt Allgemeingültiges auf. Man denkt an Kain und Abel. Man beobachtet, wie Benjamin Pauquet mit Worten und Gefühlsäußerungen spart und so durch eulenspiegelhafte Neutralität Vertrauensvorschüsse generiert.

Für die Poesie des Textes war die Kritik des Lobes voll. Hm. Sie lobte auch die mattspiegelnden riesigen Torwände des Bühnenbilds, das sich düster zum Schlitz schließt, durch den Theaternebel quillt. Hm. Sie lobte das hohe Niveau der Schauspielkunst. Hm ja, stimmt, bis auf jene Stellen, wo in Schauspielschulmanier Worte gekaut werden. Fazit: Bar jeder Vision hält der Titel, was er verspricht: „kein land. august“

16. und 25.3. sowie 14.4., jeweils 19.30 Uhr im Kleinen Haus, Glacisstraße 28,
Karten ab 16 Euro unter Tel. 0351 4913555, www.staatsschauspiel-dresden.de

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