Dresden war einst europäische Hochburg der Kamelienzucht

Kamelienblüte
Ab 1. März öffnet Schloss Zuschendorf in Pirna wieder seine beeindruckende Kamelienschau. Foto: Förster

Wenn es noch richtig kalt ist, kommt eine Pflanze hierzulande in Hochform: Die Kamelie. Heute gibt es sie in jedem Discounter und Baumarkt. Früher schmückte sich der Adel damit. In Deutschland ist der Name Seidel seit Jahrhunderten mit der Pflanze verbunden.

Wenn die Pillnitzer Kamelie ab Mitte Februar ihre Blüten öffnet und bis April mit zehntausenden glockenförmigen karminroten Blüten überzogen ist, dann zieht es wieder viele Besucher zum gläsernen Kamelienhaus im Schlosspark Pillnitz. Die mittlerweile 8,94 Meter hohe Pflanze mit einem Kronendurchmesser von fast zwölf Meter soll der Legende nach eine von vier Kamelien sein, die der schwedische Botaniker Karl Peter Thunberg 1779 von seiner Japanreise mitbrachte. Gleichzeitig soll sie das einzige Exemplar sein, das bis heute überlebt hat. Neueste genetische Forschungen können diese Thunberg-Legende zwar nicht belegen, klären leider aber noch nicht die genaue Herkunft.

Das wahre Kamelien-Paradies indes ist im Schloss Zuschendorf in Pirna zu finden, das aus gutem Grund den Beinamen „Kamelienschloss“ trägt. Am 1. März beginnt hier die Saison, bis 13. April wird die blühende Pracht zu sehen sein. Vom 1. Bis 9. März ist außerdem die XXII. Deutsche Kamelienblütenschau zu Gast im Schloss.
Wunderschöne Kamelien blühen auch im Botanischen Blindengarten Radeberg. Er ist 20.000 Quadratmeter groß, das Wegenetz ist 1,5 Kilometer lang. 1.300 Pflanzenarten gedeihen im Gelände, darunter rund 700 Duftpflanzenarten, denn der Garten ist 1996 speziell für blinde und taubblinde Menschen angelegt worden. Im Gewächshaus werden von Januar bis April über 70 Kübelpflanzen, vor allem Duftkamelien, präsentiert. Und auch Schloss Königsbrück ist in diesen Wochen eine (Kamelien)Reise wert.

Wie die Kamelie Dresden zu Weltruhm brachte

Zurück zu den Kamelien im Schloss Zuschendorf, das heute eine bedeutende botanische Sammlung mit Hortensien, Bonsai, Efeu, Kamelien und einer Obstorangerie bewahrt. Die Zuschendorfer Azaleensammlung gilt neben der Sammlung im Rhododendron-Park Bremen als die größte Sammlung ihrer Art in Europa. Zusammen mit der Zuschendorfer Kameliensammlung, die rund 100 Sorten umfasst, steht sie unter Denkmalschutz.
Die Pflanzensammlungen gehen auf die Züchtungen der Gärtnerfamilie Seidel zurück, die seit dem 18. Jahrhundert den sächsischen Gartenbau weltbekannt machte. Als „Vater des Dresdner Gartenbaus“ gilt Johann Heinrich Seidel (1744–1815). Er absolvierte eine Gärtnerlehre beim kurfürstlichen Kunstgärtner des Großen Gartens in Dresden, wanderte als Geselle sieben Jahre durch Europa und arbeitete ab 1779 als kurfürstlicher Hofgärtner in der Herzogin Garten. Unter seiner Regie entstand eine der größten europäischen Pflanzensammlungen jener Zeit. Kataloge aus dem Jahr 1806 verzeichnen 4300 Pflanzenarten und -sorten. Außerdem war er einer der ersten deutschen Gärtner, der sich der Kamelienzucht annahm.

Seine vier Söhne erbten offenbar das Gärtner-Gen. Alle wurden Gärtner, Pflanzenzüchter, Pflanzen- und Samenhändler und zum Teil Hofgärtner. Der älteste (Traugott Leberecht) und der jüngste Sohn (Jacob Friedrich) gründeten im Juni 1813 gemeinsam die Seidelsche Gärtnerei als Zierpflanzen-Erwerbsgärtnerei. Zunächst in der Kleinen Plauenschen Gasse in der Dresdner Seevorstadt, zog diese später aus Platzgründen in die Pirnaische Vorstadt auf die Äußere Rampische Gasse. Dieser Betrieb gilt als erste deutsche Handelsgärtnerei, die auf Zierpflanzenbau spezialisiert war und als Grundstein des Gartenbaus in Sachsen.

Während Traugott Leberecht Seidel später nach Wien einheiratete, betrieb Jacob Friedrich Seidel die Gärtnerei und vor allem die Kamelienzucht weiter und war bald im Volksmund als „Kamelien-Seidel“ bekannt. Bis zu 1.100 Kamelien-Sorten soll er besessen haben. Mitte des 19. Jahrhundert wurden Seidelsche Kamelien aus Dresden unter anderem nach Österreich, Ungarn, Polen, Russland und in die heutige Ukraine exportiert. Als sein Sohn Hermann Seidel (1833–1896) das Gartenimperium 1860 übernahm, reduzierte er die Zahl zunächst auf 500, später auf 190. Um 1865 verlegte er die Gärtnerei wiederum aus Platzgründen nach Striesen. Der Stadtteil wurde in den folgenden Jahren als einflussreichster Zuchtstandort für Azaleen, Kamelien und Rhododendren im deutschsprachigen Raum international bekannt. Auf einem Teil der ehemaligen Gärtnerei in Striesen befindet sich seit den 1920er Jahren der Hermann-Seidel-Park. Er wurde 2023 neu gestaltet und die Rhododendren, die vor zwei Jahren neu gepflanzt wurden, stammen aus der (Familien) Gärtnerei Rudolf Seidel in Grüngräbchen.

Vom Imperium zum VEB und zur Wohnanlage

Rudolf Seidel (4. Generation) und dessen Sohn Jacob (5. Generation) verlegten 1893 den neuen Standort der Familiengärtnerei nach Laubegast. Zum 100. Firmenjubiläum im Jahr 1913 war der Gartenbaubetrieb T.J. Seidel in Laubegast 15 Hektar groß, verfügte über 84 Gewächshäuser und beschäftigte in den Sommermonaten mehr als 125 Arbeitskräfte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Dresdner Gärtnerei enteignet und in einen staatlichen Betrieb eingegliedert. Immerhin gelang es den Gärtnern des VEG Saatzucht Zierpflanzen Dresden, die Seidelschen Pflanzenzüchtungen in die botanischen Sammlungen auf Schloss Zuschendorf zu überführen. Nach 1990 wurde das sieben Hektar große Gärtnereigelände in Laubegast mit dem „Wohnpark Solitude“ überbaut.
Wolfgang Seidel (* 1928), Sohn des letzten Seidelschen Inhabers in Dresden, eröffnete 1968 in der Nähe von Sala in Schweden eine Baumschule, die bis in die Gegenwart von seinen Nachkommen fortgeführt wird. In Grüngräbchen, wo Rudolf Seidel ab 1897 winterharte Rhododendren züchtete, hat das Seidelsche Imperium überlebt und firmiert heute unter „T. J. Rud. Seidel Rhododendronkulturen“. Und in der Kameliensammlung auf Schloss Königsbrück gibt es immer noch neun Kamelien, die ursprünglich aus der Seidelschen Sammlung zur Zeit der Hofgärtnerei entstammen.

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