Widersprüchliche Medea am Dresdner Theater regt zum Diskutieren an

Jason (Sebastian Wendelin) und Medea (Paula Dombrowski) mit ihren Kindern vorm Fernseher Foto: Matthias Horn

Die gute Nachricht: Den rund 2.500 Jahre alten Medea-Stoff nehmen am Dresdner Staatsschauspiel Frauen in die Hand. Das unzertrennliche Duo Christina Rast (Regie) und Schwester Franziska Rast (Bühne) sowie die am Premierenabend mit langem Applaus bedachte Paula Dombrowski als Titelheldin stehen für modernes Theater. Da werden Kinder mit Popcorn und Fernsehen ruhiggestellt, statt dem selten hereinschauenden Papa brav Hallo zu sagen; da werden Männerrollen – vom Egoisten über den Machthaber bis zum Weichei – vorgeführt, beklagt und mit weiblichen Waffen beantwortet.

Die schlechte Nachricht: Schon im Titel liegt die Beschränkung. Denn gegeben wird „Medea von Euripides“ und der gilt als Frauenverächter. Ob es einfacher war, eine existierende Vorlage zu benutzen statt sich die Arbeit zu machen, eine eigene zu erstellen? Mit einem Spiel „nach“ Euripides hätten andere Sichten einfließen können, Christa Wolf beispielsweise, selbst sie lieferte nur eine unter vielen Interpretationen.

Doch vielleicht ging es Rast & Rast weniger ums Erklären und Deuten eines widersprüchlichen Mythos’ als um dessen Darstellung. Dafür werden antike Stilmittel wie Masken genauso eingesetzt wie Emojis. In spannenden anderthalb Stunden (Dramaturgie: Martin Heckmanns) wird der Zündstoff ausgepackt: Verrat aus Liebe, Verlust von Herkunft und Würde, Misstrauen und Anpassungsdruck in der Fremde, Niederlage wertvoller Traditionen unter ignorant und egoistisch aufstrebendem Neuen. Die ewigen Beziehungsfragen und gegenseitigen Erwartungen strapazieren und provozieren sämtliche Beteiligte, die sich arrangieren, aufbegehren oder Schuld auf sich laden.

In der unerträglichen Länge der Kindermordszene vermittelt sich der berechtigte Zweifel, ob eine Mutter ihre Kinder mal eben so einfach umbringt. Aus der überlieferten überirdischen Abstammung und Erlösung Medeas per Drachenwagen ihres Opas, des Sonnengottes Helios, wird nun eine futuristische Landung und letzte Rettung durch Außerirdische. Fazit: Lohnende Anregung zum Diskutieren, Nachschlagen, Selberdenken.

27.3. (ausverkauft), 6./13./19./ 28.4., jeweils 19.30 Uhr, 30.4., 16 Uhr, 3./12./17.5., jeweils 19.30 Uhr, Karten ab 11 Euro unter Tel. 0351 4913555, www.staatsschauspiel-dresden.de

1 Kommentar

  1. Mir scheint, Medea hat es im Augenblick nicht leicht. Ich habe erst kürzlich eine Fassung am Schauspielhaus Düsseldorf gesehen, das in mir viele Fragezeichen zurückgelassen hat. Die Rettung durch Außerirdische stelle ich mir spannend vor. In „unserer“ Fassung wurde die komplett unter den Tisch fallen gelassen.

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