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Passivhaus: immer gute Luft und geringe Heizkosten

Wolfgang Feist, Leiter des Passivhaus-Institutes.

Dresden. Wolfgang Feist, Gründer und Leiter des Passivhaus Instituts, hat vor hat vor 26 Jahren mit drei weiteren Bauherren das weltweit erste Passivhaus errichtet.

Warum steht das erste Passivhaus in Darmstadt?

Das beruht auf einer Reihe von Zufällen, aber auch dem ausdrücklichen Wunsch des damaligen Oberbürgermeisters der Stadt, Günther Metzger. Die Stadt hatte ohnehin ein für „experimentellen Wohnungsbau“ ausgewiesenes Gelände, das bereits zu einem großen Teil bebaut war. Zuständig für den innovativen Teil war das „Institut Wohnen und Umwelt“, eine Forschungseinrichtung des Landes Hessen und der Stadt Darmstadt. Da wiederum habe ich gearbeitet und hatte internationale Kontakte.

Warum unbedingt ein Passivhaus?

Überwiegend wurde in dieser Zeit ja auf die Ablösung des fossilen durch das nukleare Zeitalter gesetzt. Bei nüchterner Betrachtung war jedoch klar, dass es eine andere Ablösungsstrategie für die fossile Energie brauchte – und die Idee für ein Passivhaus entstand. Der Impuls für das Passivhaus kommt übrigens aus China. Der Begriff kommt daher, dass diese Bauten thermisch als passives System funktionieren und der Wärmebedarf zum größten Teil aus „passiven“ Quellen wie Sonneneinstrahlung sowie Abwärme von Personen und technischen Geräten gedeckt wird.

Was ist – ganz kurz gesagt – ein Passivhaus?

Es ist die konsequente Weiterentwicklung des Niedrigenergiehauses: Die unnötigen Wärmeverluste durch Wände, Dächer und Fenster werden so weit verringert, dass die Heizung gänzlich unbedeutend wird; es sind nur noch rund 1,5 Liter Heizöläquivalent je Quadratmeter und Jahr. Ein Passivhaus verbraucht somit rund 90 Prozent weniger Heizwärme als ein bestehendes Gebäude und 75 Prozent weniger als ein durchschnittlicher Neubau.

Wer waren die anderen Bauherren?

Es gab einen von der Stadt Darmstadt ausgewiesenen Bauplatz, und eine lange Bewerberliste für die dort in Erbpacht zu vergebenden Grundstücke. Die Bewerbung für solche Bauplätze stand denen offen, welche die Kriterien der Stadt erfüllten: Es mussten Familien mit begrenztem Einkommen sein. Dennoch erwies sich die Suche nach Mitbauherren zunächst als schwierig. Erst, als wir selbst schließlich den Mut aufbrachten, mit zu bauen, war das Eis gebrochen. Es fanden sich drei Familien ein, die bereit waren, mit zu machen. Alle kamen aus ganz anderen Berufen, niemanden kannten wir vorher.

Wie haben Sie es geschafft, sich beim Bau immer zu einigen? Oder hat es in der Bauphase auch mal ordentlich „gedonnert“?

Eine wichtige Rolle dabei spielten die Bauherrenbetreuung und die Architekten. Die haben es geschafft, alle Klippen elegant zu umschiffen. Im Fall dieses ersten Prototyp-Hauses mussten und konnten wir von der Rationalität der jeweiligen Lösungen überzeugen; selbstverständlich wurden auch hier manche Dinge belächelt. Aber, alle waren auch neugierig, ob das wohl funktionieren könnte, ein Haus, das so gut wie keine Heizenergie braucht.

Verstehen Sie sich immer noch gut untereinander?

Die Eigentümergemeinschaft ist wie in den meisten Fällen heute eine Zweckgemeinschaft. Im Pilotprojekt gab es den Versuch, gemeinschaftliche Nutzungen anzubieten wie die Waschküche und den Trockenraum. Die Idee dazu kam aus Schweden, wo solche Einrichtungen selbstverständlich sind. Um ehrlich zu sein: So recht bewährt hat sich das bei uns nicht. Wohl auch, weil unsere gesellschaftlichen Trends generell zu mehr Vereinzelung gehen; heute kauft sich jemand eher einen Bohrschrauber selbst, als ihn sich vom Nachbarn auszuborgen. Solche Trends gehen natürlich auch an so einer Baugemeinschaft nicht vorbei.

Ihre Reihenhauanlage wird oft besichtigt und ist bis heute Gegenstand vieler technischer Untersuchungen. Wie lebt es sich in einem „Ausstellungsstück“ und „Testobjekt“?

Nun, zu Anfang ist das ganz spaßig – die ersten zwei Jahre hatten wir an die 5000 Besucher in den Wohnungen. Irgendwann haben meine Frau und ich dann gemerkt, dass das Aufräumen und Herausputzen der Wohnung doch ziemlich viel Stress erzeugte, und wir haben das begrenzt. Die Technik und die Messungen bemerken die Bewohner gar nicht. Darauf haben wir sorgfältig geachtet, ebenso wie auf die Wahrung der Privatsphäre. Alle Daten wurden anonymisiert.Die Komponenten, die ein Passivhaus auszeichnen, gab es damals noch nicht auf dem Markt.Nehmen wir die Dreischeiben-Wärmeschutzverglasung: Die gab es nicht am Markt. Doch eine Flachglasfirma erklärte sich bereit, diese für unser Projekt zu liefern. Die thermisch getrennten Abstandhalter allerdings konnten wir auf die Schnelle nicht bekommen. An anderen Stellen mussten wir die erforderlichen Komponenten selbst einzelhandwerklich – sozusagen im Labor – herstellen. Ein Handwerker hat die Gewährleistung abgelehnt.

Was würden Sie heute anders machen beim Bau Ihres Passivhauses?

Weil die Photovoltaik so enorme Fortschritte gemacht hat, würde ich das Pultdach heute leicht nach Süden geneigt orientieren. Und selbstverständlich die heute verfügbaren zertifizierten Passivhaus-Komponenten verwenden, die zum Beispiel bei den Fenstern nochmals um fast 50 Prozent besser sind als unsere damals selbst gebauten Lösungen. Ich würde die Lüftung noch weiter vereinfachen, obwohl sich auch die verwendete Lösung gut bewährt hat, und Wärmepumpen für die Heizung verwenden. Aber es wäre wieder ein Passivhaus. Das hat sich so ausgezeichnet bewährt: Immer gute Luft, ein dauerhaft komfortables Innenklima, vernachlässigbar geringe Heizkosten.
l D Das Interview führte Katrin Krämer

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