Schilddrüsen-OP: Den Hals riskiert

Patientin Maria Streubel hat einen makellosen Hals – ohne Narbe. Sandra Leike von der Uniklinik Dresden zeigt die Millimeter dünnen Instrumente, die alternativ eingeführt werden. Foto: R. Bonß
Patientin Maria Streubel hat einen makellosen Hals – ohne Narbe. Sandra Leike von der Uniklinik Dresden zeigt die Millimeter dünnen Instrumente, die alternativ eingeführt werden. Foto: R. Bonß

Mit einem Kloß im Hals fing es an. Und dem unguten Gefühl, das etwas nicht stimmt. Diagnose: Schilddrüsenknoten. Die Gefahr, dass sich daraus ein bösartiger Tumor entwickelt, war groß. Schnell stand fest, dass Maria Streubel operiert werden muss. Die gelernte Krankenschwester ahnte, was auf sie zukommt. Angst vor dem Eingriff hatte sie aber nicht, die Operation ist für die Ärzte längst Routine.
Etwas anderes machte der Dresdnerin Sorgen. Ihr graute vor der großen Narbe am Hals, die nach einem solchen Eingriff zurückbleibt. Jetzt, ein paar Tage nach der Operation, spricht sie noch einmal mit ihrer Ärztin. Die Dresdnerin hat es hinter sich gebracht. Alles ist gut verlaufen. Und die Narbe? „Nichts zu sehen“, sagt Maria Streubel und schiebt ihre Haare zur Seite.
Etwa jeder fünfte Deutsche leidet an einer vergrößerten Schilddrüse. Während bei Patienten ab 50 Jahren oft eine Struma beziehungsweise ein Kropf diagnostiziert wird, leiden junge Leute eher an isolierten Knoten. So wie Maria Streubel. Mit einer Ultraschalluntersuchung entdeckten die Ärzte das Problem und empfahlen einen chirurgischen Eingriff. Der ist gar nicht so selten. Das St. Joseph-Stift Dresden zum Beispiel operiert jährlich weit über 550 Patienten. An der Dresdner Uniklinik sind es mehr als 100.
Neue Methode
Erkrankungen der Schilddrüse sind häufiger, als man denkt. Normalerweise läuft solch eine Operation immer gleich ab. Der Zugang erfolgt über einen Schnitt am Hals. Diese Methode hat sich seit über hundert Jahren bewährt. Einziges Problem: die Narbe. Um diesen Schönheitsfehler zu vermeiden, geht die Uniklinik Dresden jetzt einen anderen Weg. Die Ärzte führen die Instrumente über den Brustbereich und die Achseln ein und bewegen sich damit unterhalb der Hautschicht bis zum Organ. ABBA nennt man diese Methode in Fachkreisen. „Dafür braucht man Erfahrung in der sogenannten Schlüsselloch-Chirurgie. In den vergangenen drei Jahren haben wir uns auf diesem Gebiet stark weiterentwickelt“, erklärt Prof. Jürgen Weitz, Direktor der Klinik für Gefäßchirurgie.
Auch konnten die Ärzte auf Erfahrungen anderer Krankenhäuser bauen. Nur wenige in Deutschland bieten die OP-Methode an. Zu diesen Kliniken fuhren die Ärzte, schauten dort den Chirurgen über die Schulter. Ein halbes Jahr dauerten die Vorbereitungen. Dann konnte der sachsenweit erste Eingriff in Dresden starten.
Maria Streubel durfte das Versuchskaninchen spielen. Doch das störte sie nicht. „Man hat mir gesagt, dass man im Notfall einfach wieder auf die herkömmliche Methode zurückgreifen kann. Ich hatte also nichts zu verlieren“, sagt sie. Doch das war nicht nötig. Schon zwei Tage nach der Operation durfte sie die Uniklinik wieder verlassen – pünktlich zu ihrem Geburtstag.
Warum gerade Maria Streubel für den ersten Eingriff dieser Art ausgewählt wurde, weiß die beteiligte Oberärztin Dr. Sandra Leike, die die Operation mit durchgeführt hat. „Wir haben uns für eine Frau entschieden, weil die weiblichen Patienten einfach mehr danach verlangen. Zudem passte bei ihr alles“, erklärt sie. Denn nicht bei jedem Patienten, der an der Schilddrüse operiert werden muss, biete sich die Methode an. Die Ärzte entscheiden von Fall zu Fall. Wichtig sei, dass die Schilddrüse noch nicht zu groß ist. Außerdem müssen Knoten und Tumore müssen aus gutartigem Gewebe bestehen.
Eine kleine Spur hat die Operation dann doch hinterlassen. Zwischen Brust und Achsel sieht man bei Maria Streubel die Schnittstelle, die sich aber unter dem T-Shirt verstecken lässt. Hier haben die Ärzte die Instrumente hineingeschoben. Zwischen die Gewebeschichten drückten sie CO2, um sich einen Weg zu bahnen. Eine kleine Kamera übertrug das zu operierende Gebiet auf einen Bildschirm. Das gehört zu jedem minimalinvasiven Eingriff und wird beispielsweise auch bei Operationen an Magen und Darm angewendet. Noch steht keine weitere OP mit der ABBA-Methode im Kalender. Aber wenn es passende Patienten gibt, sollen Eingriffe folgen. (Marleen Hollenbach)

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