Kultur und Party, wo man früher einheizte

Der Charme der historischen Industriearchitektur wird sommers gern ins rechte Licht gerückt. Foto: Sebastian Kahnert
Der Charme der historischen Industriearchitektur wird sommers gern ins rechte Licht gerückt. Foto: Sebastian Kahnert

Vor dem Eingang zu den Spielstätten zeigt die Uhr auf fünf vor zwölf. Den Grund nennt Michael Böttger: „In letzter Minute haben die Künstler und Angestellten der Staatsoperette
den Umzug von Leuben nach Dresden-Mitte gerettet.“ Sie verzichteten per Tarifvertrag seit 2009 auf acht Prozent ihres Gehaltes. Die Vereinbarung läuft bis 2021.
Drinnen nackte Ziegelwände, unverhüllte Stahlträger, offene Kabelleitungen. Eine täuschend echte Kranführerpuppe in Arbeitskleidung mit Helm sitzt oben am Steuerpult. Das Foyer in der ehemaligen Maschinenhalle bietet heute Platz für Theaterkasse, Wein- und Sektbar, Snacktheke und Stehtische. An eine verschwundene Bühne Dresdens erinnern am Eingang zum Theater Junge Generation die Sandsteinfiguren Musik und Tanz. Einst schmückten sie das Alberttheater. Auch Michael Böttger nutzt denkmalgeschützte Spuren
der Architekturhistorie, um auf die Geschichte des Geländes einzugehen. Das heutige Domizil der Proberäume von Musikhochschule (HfM) und HeinrichSchütz-Konservatorium
war einst das Lichtwerk. 1884 errichtet, erzeugte es aus Braunkohle elektrische Energie. Ab 1900 unterstützte das Westkraftwerk die Stromversorgung zur Beleuchtung Dresdens und der Straßenbahn. Seit 1928 beherbergten die Gebäude in verklinkerter Stahlskelettbauweise das Heizkraftwerk Mitte, das Licht und Wärme lieferte, bis die Drewag das Geschäft 1994 aufgab, das Werk stilllegte, weil sich für die dringend notwendige Erneuerung der Maschinenhalle kein Investor fand.

Wo heute der Bär steppt

Inzwischen ist junges Leben eingezogen. In der Diskothek Kraftwerk Total im ehemaligen Stromwerk Ecke Könneritz-/Schweriner Straße steppt seit 2015 der Bär. Auf dem 39 000-Quadratmeter-Areal ist seit 2006 Platz für das Energiemuseum. Vom Trafohaus aus organisiert die Heinrich-Böll-Stiftung politische Bildung für Sachsen. In der Reaktanz sollen Film- und Medienschaffende einziehen. Wer aus dem nüchternen Vorraum in den Operettensaal tritt, sieht rote Wände und sinkt in schwarze Sessel. 700 Besucher erleben
hier emotionsgeladene Abende. „Die Segel unter der Decke ermöglichen für jedes Genre die passende Akustik“, sagt Michael Böttger. Jeder Platz bietet uneingeschränkte
Sicht auf die Bühne; an vielen Sitzen stehen Sponsorennamen. Daneben quirlen Kinder und junge Leute in die Zuschauersäle des Theaters Junge Generation. Hier werden vormittags Kitagruppen und Schulklassen lehrreich „bespaßt“ und abends und am Wochenende Familien unterhalten. Nicht zu vergessen Studio- und Puppenbühne.
Die Schauspieler und Sänger beider Ensemble verfügen hinter den Kulissen über Proberäume. Das Ballett, der Chor und das Orchester proben in eigenen Räumen.
UNA GIESECKE, GUDRUN BUHRIG

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