„Epilepsie muss aus der gesellschaftlichen Tabuzone heraus“

Martin Wallmann – seit zwölf Jahren Geschäftsführer des Epilepsiezentrums Kleinwachau – wird im Oktober in den Ruhestand gehen. Jetzt steht fest, dass er sein Amt an Sandra Stöhr übergeben wird, die bisher für die Finanzen der Einrichtung zuständig war. // Foto: Alexander Nuck

Zwölf Jahre lang lenkte Martin Wallmann die Geschicke im Epilepsiezentrum Kleinwachau. Jetzt geht er in den Ruhestand.

Dieses Bonmot lässt ihn noch immer schmunzeln: Martin Wallmann, so heißt es zwischen Dresden und Radeberg regelmäßig, werde von den meisten Leuten eigentlich nur erkannt, wenn er einen Bauhelm auf dem Kopf trägt. Martin Wallmann, seit gut zwölf Jahren Direktor des Epilepsiezentrums Kleinwachau im Radeberger Ortsteil Liegau-Augustusbad, ist tatsächlich auf den meisten Pressefotos mit einem Bauhelm zu sehen. Schließlich wurde und wird auf dem idyllischen Areal eigentlich immer gebaut. Einen sicher mittleren dreistelligen Millionen-Betrag – zu großen Teilen Fördermittel – hat Martin Wallmann in diesen Jahren sozusagen verbaut, „gut angelegtes Geld“, sagt er. Denn es floss und fließt in Projekte für Menschen mit schwersten Behinderungen und Epilepsie.

Jüngste große Investition waren fünf Millionen Euro für den Neubau am neurologischen Krankenhaus des Epilepsiezentrums. Hier werden Anfallskranke im sogenannten Intensivmonitoring untersucht, um den Herd der Epilepsie im Gehirn zu lokalisieren. Mit diesem Befund gehen die Betroffenen dann ins Dresdner Uniklinikum, wo exakt diese Stelle des Gehirns dann entfernt wird. Mit einer bis zu 70-prozentigen Heilungschance. Das Epilepsiezentrum – das einzige übrigens in ganz Mitteldeutschland – verfügt damit über eines der modernsten Spezialkrankenhäuser Deutschlands. Eines, in dem Wege gefunden wurden, eine vermeintlich unheilbare Krankheit heilen zu können.

Auch das ist dabei mit dem Namen Martin Wallmann verbunden, der nun Mitte der Woche im Kirchsaal des Epilepsiezentrums bei einem Pressefrühstück sitzt und sagt: „Nun ist Schluss, das war‘s – ich habe vor wenigen Tagen meinen 65. Geburtstag gefeiert, jetzt ist definitiv Zeit für den Ruhestand.“ Ein Satz, der natürlich nicht überraschend fällt, denn in den vergangenen Monaten hatte das Epilepsiezentrum die Geschäftsführerstelle bereits öffentlich ausgeschrieben. Und doch ist schon jetzt klar, dass mit Martin Wallmann ein wichtiger „Strippenzieher“, ein Mann mit Visionen und nicht zuletzt ein energischer Kämpfer für das Thema Inklusion die Kapitänsbrücke auf dem „Schiff Kleinwachau“ verlässt.

Inklusion war ihm dabei schon vor gut zwölf Jahren – zu seinem Start im Februar 2008 – wichtig, als das Thema in der Öffentlichkeit noch kaum eine Rolle spielte. Eine Mauer rund um die „Anstalt“, wie damals noch immer viele das Epilepsiezentrum nannten, gab es zwar nicht mehr. Aber sie stand dennoch irgendwie. Und es waren genau diese Mauern, die Martin Wallmann einreißen konnte. Mit Außenwohnanlagen, in denen die Patienten und Bewohner Kleinwachaus nun in Radeberg, Liegau und auch in Dresden leben. „Unsere Leute gehören längst ganz selbstverständlich dazu, auch zum Stadtbild“, freut sich Martin Wallmann. Und überhaupt hat er – auch gemeinsam mit dem Kleinwachauer Chefarzt Dr. Thomas Mayer – dafür gesorgt, dass die Krankheit Epilepsie aus der gesellschaftlichen Tabu-Zone geholt wurde. Epilepsie kann jeden treffen und man muss einfach darüber reden, Betroffene sind Teil der Gesellschaft, lautet das Credo.

Und genau dazu passt auch die Idee, in Kleinwachau einen gemeinsamen Campus der Förderschule der Einrichtung und der staatlichen Grundschule zu bauen –beide Schulen bleiben selbstständig, aber die Schüler nutzen Bereiche und Angebote gemeinsam, bis hin zu gemeinsamen Unterricht in Fächern, wo das funktioniert. Sport, Musik oder Werken beispielsweise. „Soziale Kompetenz wird immer wichtiger“, ist Martin Wallmann überzeugt. Und genau diese soziale Kompetenz kann ein solcher Campus vermitteln helfen. Nicht ohne Grund hat Martin Wallmann vor zwei Jahren den Sächsischen Inklusionspreis bekommen. „Es sind tatsächlich große Fußstapfen“, macht seine Nachfolgerin deutlich. Sandra Stöhr wird ihn im Oktober als neue Chefin ablösen. Bisher war sie in Kleinwachau für die Finanzen zuständig. „Visionen bleiben wichtig, aber gerade das Thema Geld wird künftig wohl eine immer dominierendere Stelle auch im Bereich Gesundheit und Pflege spielen“, weiß Martin Wallmann. Auch deshalb sei die Wahl perfekt.

Bis Oktober wird Martin Wallmann übrigens auch seinen geliebten gelben Bauhelm noch öfter aufsetzen. Derzeit wächst auf dem Gelände ein neues Wohnheim für hochbetagte Menschen mit Behinderung. „Bisher mussten wir gerade die hochbetagten Bewohner ausgerechnet auf ihrem letzten Stück Lebensweg in andere Pflegeeinrichtungen verlegen, wenn sie zu schweren Pflegefällen wurden – einfach unmenschlich“, klingt Martin Wallmann glücklich, dieses Herzensprojekt noch auf den Weg gebracht zu haben. Die geplante Einweihung im November wird schon Sandra Stöhr übernehmen. Aber Martin Wallmann wird natürlich vorbeischauen …

Eine herausfordernde, spannende Aufgabe …

  • Sandra Stöhr wird im Oktober die Geschäftsführung des Epilepsiezentrums Kleinwachau übernehmen. Und sie startet in eine Zeit, in der Fördermittel knapper werden und ab 2022 das neue Bundesteilhabegesetz für mehr Selbstbestimmung für Menschen mit Behinderungen schaffen wird. Was aber auch Einrichtungen wie das Epilepsiezentrum vor neue Herausforderungen stellt.
  • Auch das Thema E-Mobilität wird in Kleinwachau immer wichtiger werden.
  • Nachhaltigkeit wird künftig eine noch größere Rolle spielen: „Wir setzen 85 Prozent Ökopapier ein, solche Themen werden wichtiger“, gibt die neue Chefin schon mal vor.

JENS FRITZSCHE

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