Er hatte Glück: Zweite Chance fürs Leben

Bernd Kunath weiß, wie zermürbend das Warten auf ein Spenderorgan ist. 2008 bekam er ein Herz transplantiert. // Foto: Herzzentrum Dresden/GmbH Universitätsklinik

Ein fremdes Herz hat Bernd Kunath vor zwölf Jahren gerettet. Seitdem engagiert er sich für Andere, die auf lebensrettende Organe warten.

Bernd Kunath ist ein Mensch mit Humor. Davon rückt er auch beim Umgang mit seiner schweren Herzerkrankung und Herztransplantation nicht ab: Seine Katze hat er nach dem für ihn lange Zeit wichtigsten Medikament benannt: Tacrolimus, Spitzname: Taco. „Mittlerweile nehme ich die Pille nicht mehr. Ein anderes Präparat sorgt jetzt dafür, dass mein Immunsystem so runterfährt, dass es mein neues Herz nicht als Feind ausmacht und abstößt. Die Katze aber, die ist immer noch da“, erklärt der 56-jährige Dresdner.

34 Tabletten nimmt Bernd Kunath jeden Tag ein. Seit über zwölf Jahren. Genauer: seit dem 23. Juli 2008. An jenem Tag wurde ihm am Herzzentrum Dresden Universitätsklinik ein fremdes Herz eingesetzt. „Es ist mein neuer Geburtstag, den ich jedes Jahr feiere.“ An die Zeit zwischen dem Transplantationsdatum und März 2008 kann er sich noch genau erinnern – allerdings wie im Film.

Mit einem gleichzeitigen Vor- und Hinterwandinfarkt kam er damals in die Klinik. Er riss ihn aus einem vollen Berufsalltag bei der Deutschen Bahn und einem engagierten Leben im Vorstand eines Kleingartenvereins. Die Ärzte retteten mit einer Not-Operation sein Leben, setzten zwei Bypässe und drei Stents. „Ich bin allen bis heute sehr dankbar dafür. Eigentlich überlebt so etwas keiner“, sagt Bernd Kunath.

Der Preis allerdings war hoch: vier Wochen künstliches Koma, ein schwer angeschlagenes Herz, das keine 18 Prozent Pumpleistung mehr brachte. Bernd Kunath war kraft- und atemlos, konnte kaum noch laufen. Seine einzige Chance war eine Herztransplantation, jene, die Ende Juli 2008 durchgeführt werden konnte. Seitdem schlägt das Herz eines 18-jährigen Unfallopfers in seiner Brust. Seitdem engagiert er sich für Betroffene – sei es in seiner von ihm gegründeten Selbsthilfegruppe für Transplantierte, sei es für andere schwerkranke Herzpatienten oder sei es bei Treffen mit Hinterbliebenen.

Das Warten auf ein Spenderherz zerrt an den Nerven. Manche, das weiß Bernd Kunath genau, haben nicht so viel Glück wie er und warten vergebens. 2019 wurden in Deutschland 344 Herzen transplantiert, die Anzahl der Patienten, die das lebensrettende Organ bräuchten, ist in etwa drei Mal so hoch. „Immer, wenn ich darüber nachdenke, wird mir bewusst, wie klein wir als einzelne Individuen eigentlich sind“, sagt Bernd Kunath. Für ihn schließt sich dabei ein Kreis an dessen Anfang und Ende die Bereitschaft zur Organspende steht und die Frage, warum die Lobby dafür so klein ist.

In Krankenhäusern in Deutschland versterben laut Bernd Kunath jährlich etwa 400.000 Menschen, etwa 4.000 von ihnen seien hirntot und kommen damit überhaupt als potenzielle Spender in Frage. Dem gegenüber stehen circa 10.000, die auf ein lebensrettendes Organ warten, sei es Herz, Lunge, Nieren oder Gewebe. „10.000 individuelle Schicksale. Einzeln betrachtet für alle schlimm, für die Betroffenen und deren Angehörige. Aber was sind 10.000 im Verhältnis zu den restlichen 80 Millionen Menschen in Deutschland? Die Gruppe ist einfach zu klein, sonst hätte sich die Politik schon lange um eine andere Lösung bemüht.“

Aus Bernd Kunaths Sicht macht nur die Widerspruchslösung Sinn. Jeder sollte sich aktiv mit dem Thema befassen, zum Schutz der eigenen Familie. „Es ist wichtig, sich darüber Gedanken zu machen, wie über eine Vorsorgevollmacht oder ein Testament, damit am Ende niemand mit der Entscheidung allein dasteht.“

Auch wenn die Anzahl der Menschen, die ein Organ brauchen, vermeintlich gering sei, so gibt es auch viele Kinder, die betroffen sind. „Jeder kann unverschuldet in eine solche Situation kommen. Man muss sich klarmachen: Die Wahrscheinlichkeit, ein Organ zu benötigen ist größer, als dass man zum Spender wird“, ist Bernd Kunath überzeugt. Letztlich könne am Ende der Überlegung auch ein Nein stehen. „Das ist okay, solange es eine aktive Entscheidung ist“, sagt er.

ROBERT REUTHER

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