„Stadtverwiesen? Dann nach Striesen“

Christoph Pötzsch vor der Villa Detroit am Niederwaldplatz. Foto: Pönisch

Der Dresdner Stadtteil gilt heute als beliebtes Wohnviertel für eher Gutbetuchte. Doch das war nicht immer so, wie Christoph Pötzsch zu berichten weiß auf seiner neuen Führung.

Vom bettelarmen Schlucker zum Multimillionär – wer glaubt, das gibt‘s nur in Old Amerika, der irrt gewaltig. Nein, auch in Striesen gab es Zeiten, in denen Grund, Boden und Bodenschätze fast über Nacht Reichtum und Wohlstand brachten. DAWO! sprach darüber mit Christoph Pötzsch, einem ausgemachten Kenner des historischen Dresden.

Was war passiert, dass in Striesen die Ärmsten der Armen plötzlich zu Geld kamen? Und was heißt eigentlich „Stadtverwiesen? Dann nach Striesen!“
Dieser Spruch beschreibt genau die Lebensverhältnisse, die noch im frühen 19. Jahrhundert hier herrschten. Striesen galt als wenig attraktiv, ein großer Teil stand auf alten trockenen Elbarmen, Kies Sand und Lehm gab es ausreichend, Landwirtschaft dagegen kaum. Wer hier leben musste, war sehr arm. Oder eben wegen irgendwelcher Fehltritte der Stadt verwiesen, was zwangsläufig auch in die Armut führte.

Mit dem Bauboom, der Mitte des 19. Jahrhunderts im wachsenden Dresden aufkam, waren plötzlich Kies, Sand und Lehm heiß begehrte Baustoffe. Und wer die verkaufen konnte, wurde sehr schnell sehr reich. Und ihren neuen Reichtum steckten die einst armen Striesener wieder in Stein und bauten sich prachtvolle Häuser, von denen zum Glück viele den Krieg und die DDR überstanden haben. Übrigens wurde so viel gebaut, dass die Straßen anfangs wie in Amerika heute noch üblich nur Buchstaben und Zahlen erhielten, man wohnte als zum Beispiel in B3 oder D5. Straßennamen kamen erst später.

Stichwort Amerika: Eine Villa direkt am Niederwaldplatz sticht heraus. Was hat es mit der „Villa Detroit“ auf sich?
Der Niederwaldplatz war unbebaut, wurde im Zuge einer Versteigerung an die Weimarische Bank verkauft, die verkaufte das Areal an einen Tischlermeister und der wiederum an Adolf Oskar Schäfer und der baut 1887 hier ein Haus. Schon sieben Jahre erwarb der Berliner Opernsänger Charles Robertson dieses Gebäude und ließ es aufwändig umbauen. Mit den typisch hellen Holzveranden und Balkonen sollte es an den Stil im Mittleren Westen erinnern. Und weil der Sänger in Detroit zur Welt kam, nannte der die Villa nach seiner Geburtsstadt. Bis heute ist das 2012 umfassend sanierte und unter Denkmalschutz stehende Wohnhaus fast unverändert erhalten geblieben.

Auf Ihrer Führung erzählen Sie auch etwas über die Neutronenbombe. Was hat die denn mit Striesen zu tun?
Diese Geschichte klingt wirklich unglaublich. Denn hier auf der Glasewaldstraße, mitten im Wohngebiet, gab es in Verantwortung des VEB Messelektronik Otto Schön ein hinter Wellblech verborgenes Haus mit einem geheimen Testlabor. Das befand sich tief in der Erde, hatte zwei Meter dicke Betonwände und hier wurde tatsächlich mit Strahlung experimentiert. In den frühen 1980er Jahren war die Neutronenbombe ein internationales Thema und im Ostblock machte man sich darüber Gedanken, wie man der Gefahr begegnen könnte. Erst nach der Wende kam alles ans Licht, es gab umfangreiche Strahlenmessungen, aber zum Glück war alles in Ordnung.

Nächste Striesen-Führung 27. März, Treff 14 Uhr Niederwaldplatz

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