Vom dunklen Holzpuzzle zum prachtvollen Damaskuszimmer

Damaskuszimmer
Blick auf zwei komplett sanierte Wände des Damaskuszimmer, das seit 1930 in Einzelteilen zerlegt in einem Museumsdepot in Dresden lagerte. Foto: Pönisch

Das Museum für Völkerkunde im Japanischen Palais zeigt seit 8. September ein original erhaltenes Damaskuszimmer.

Ein Puzzle aus über 100 Holzpaneelen, verpackt, eingelagert, und schließlich vergessen: Dass daraus ein prachtvoller, farbenfroher und vor allem original erhaltener, orientalischer Empfangsraum werden würde, konnte Annegret Nippa vor 25 Jahren allenfalls ahnen. Die Ethnologin, die von 1997 bis 2003 Direktorin des Museums für Völkerkunde war, hatte das sogenannte Damaskuszimmer im Depot des Museums wiedergefunden. Dass es überhaupt existiert, hatte sie eher zufällig gelesen.

Vom Kunstsammler, der ein ganzes Zimmer kaufte, es aber nie auspackte

Die prachtvollen, holzgetäfelten Empfangsräume in den damaszener Altstadthäusern sind legendär. Besser: Sie waren es. Original erhaltene Räume dieser Art gibt es heute in Damaskus kaum noch. Experten schätzen, dass vielleicht noch 200 bis 300 existieren.
Früher wurden in den farbenfrohen, reich verzierten und prachtvoll ausgestatteten Räumen Gäste empfangen. Hier wurde große Welt- und kleine Familienpolitik gemacht, hier wurden Freunde und Fremde herzlich empfangen, Nachrichten aus aller Welt überbracht und alte Geschichten erzählt.
So ein Zimmer wollte Karl Ernst Osthaus (1874-1921) auch besitzen, denn er plante, es in einem ganz besonderen Museum in Deutschland auszustellen.

Also bestellte der einflussreiche Kunstsammler und Kulturreformer in Damaskus solch eine Raumausstattung, die vermutlich aus dem Jahr 1810/11 stammte. Doch als die prachtvollen Holztafeln 1899 in Deutschland eintrafen, verschwanden sie gleich auf dem Dachboden seines Hauses in Hagen. Denn der spätere Gründer des Folkwang-Museums hatte inzwischen seine Leidenschaft für moderne Malerei entdeckt, seine orientalische Phase war passé. Und so blieben die Pakete mit dem wertvollen Inhalt liegen. Erst 1930 gelangten sie über einen Erben Osthaus‘ als Schenkung nach Dresden. Doch auch hier wurden sie nicht ausgepackt, sondern eingelagert und vergessen.

Zum Glück, könnte man rückblickend vielleicht sagen – denn wäre es damals aufgebaut worden, wäre es vielleicht 1945 bei der Bombardierung Dresdens zerstört worden.
Nach dem Krieg gab es zunächst tausend andere wichtige Dinge für Museumsleute, Denkmalpfleger und Restauratoren zu tun und so schlummerte die wertvolle Fracht weiter verpackt im Museumsdepot.

Eine Sanierung, die 25 Jahre dauerte und nun endlich beendet ist

Was lange lagert wird nicht unbedingt besser. Als Annegret Nippa die Holzpakete 1997 auspacken ließ, fand sie einen Haufen dunkler Bretter vor, verstaubt, voller Vogeldreck, mit sich ablösenden Schichten. Doch Restauratorin Anke Scharrahs machte sich voller Eifer ans Werk, befreite die Teile nacheinander von Schmutz und alten Firniss-Schichten und holte die leuchtenden Farben wieder hervor. Inzwischen gilt Scharrahs weltweit als die Expertin für orientalische Empfangszimmer.

Dass die Sanierung ein viertel Jahrhundert dauerte, lag letztlich vor allem am Geld. Bis 2014 konnte immer nur dann weitergearbeitet werden, wenn der Freundeskreis genug private Spenden akquiriert hatte. Erst ab 2014 wurde die Restaurierung gefördert, u.a. von der Museum and Research Foundation GmbH, der Gerda Henkel Stiftung und der Stiftung von Karin und Uwe Hollweg sowie der Ernst v. Siemens Kunststiftung. Wie viel Geld genau in den vergangenen Jahren in die Aufarbeitung floss? „Genau können wir das im Moment gar nicht sagen, aber rund eine Million sind es auf jeden Fall“, sagt Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.

Heute nun ist aus dem einstigen Holzpuzzle endlich wieder ein Raum geworden: Vier Wände, Decke, Eingangstür, zwei Holzgitterfenster, Wandschränke, verkleidete Regalnischen. Fertig ist das Zimmer damit leider noch nicht. Denn es ist nicht als Ganzes zusammengefügt, sondern aufgeklappt in zwei Teile. „Das hat mit der Raumhöhe zu tun“, weiß Léontine Meijer-van Mensch, Direktorin der Völkerkundemuseen Dresden, Leipzig und Herrnhut. „Wir brauchen mindestens 5,60 Meter, um es original zusammenbauen zu können.“ Ein solcher Raum ist im (teils unsanierten) Japanischen Palais bisher noch nicht gefunden

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