Vorfreude auf die Vergangenheit

Stallhofweihnacht Dresden
Historisch, Romantisch, Handgemacht - die Stallhofweihnacht öffnet am 23.11.2022 seine Pforten.

Zwischen der weihnachtlichen Glückseligkeit der Glühweinbuden ist noch Zeit für Inhalte. Da geht schon etwas mehr als „Oh du fröhliche“. Das behaupten die Organisatoren des mittelalterlichen Weihnachtsmarktes im Dresdner Schloss. Dort, im „Stallhof“, präsentiert sich ab dem 23. November das deutsche Mittelalter in der Adventszeit – historisch, romantisch, handgemacht. Aber nicht ganz sorglos.

Der sandige Stallhof im Dresdner Schloss ist in der Vorweihnachtszeit der Platz, in dem das Handwerk noch „goldenen Boden“ hat. Knapp 50 Stände können die Besucher im einmaligen baulichen Ensemble des Schlosses entdecken, darunter sind neben Gastronomen und Händlern auch seltene Handwerker, die Corona mit „Ach und Krach“ überstanden haben.

Zu ihnen gehört Frank Schreurs. Der Bernburger wählt zusammen mit seinen Kunden die Schnallen und Nieten aus, um daraus den passenden Gürtel zu fertigen, je nach Wunsch ganz puristisch oder mit viel Schnick- Schnack daran. Als Riemenschneider vollbringt er auf dem Markt das, „woran die Kaufhäuser dieser Welt scheitern. Ich mache Gürtel, bei denen man fast alles selbst bestimmen kann.“ Leder in Breite, Länge und Farbe und dazu Schnallen, Haken, Ringe – er hält eine große Auswahl bereit. „Im Mittelalter waren Gürtel Zeichen von Kraft, Herrschaft und ehelicher Treue“ weiß Schreurs und hofft, dass sein exklusives Angebot auf dem Weihnachtsmarkt im Stallhof gefragt ist „wie in alten Zeiten“. Während der Pandemie mussten sich seine Mitstreiter neue Jobs suchen. „Sie arbeiten jetzt als Kraftfahrer und kommen nicht zurück“, klagt er. Deshalb könnte es auch sein, dass sein Stand auch mal nicht öffnen könne, weil er keine Aushilfen mehr habe.

Antje und Karl Dobberschütz kommen aus dem Spreewald. Sie hat das Anfertigen von Seilen zum Beruf gemacht. Neugierigen Besuchern zeigt Antje, wie aus Hanffasern Seile werden, später Springseile, Strickleitern, Blumenampeln. Die Kinder sind beschäftigt und staunen, wenn sie feststellen, dass Seile ein Resultat mühseliger Arbeit sind. „Wenn sie zehn Minuten an der Kurbel standen, wissen die Kinder das Seil zu schätzen“ erklärt die Seilerin.

Ihr Mann Karl stellt mit unterschiedlich großen Stechbeiteln Mulden – auch Muhlen genannt – her. Es sind hölzerne Wannen, wie sie einst die Bäcker zum Kneten ihres Teigs verwendeten. „So große Mulden wie früher sind selten gefragt“ erklärt der Tischler. „Heute wollen die Leute lieber die Kleinen“ sagt er und fügt augenzwinkernd hinzu „Schließlich werden in diesen Zeiten lieber kleine Brötchen gebacken.“ Außer Mulden verkauft Karl auch Brettchen und urige Handwagen aus eigener Produktion. Die Coronazeit haben beide mit Hilfe der hauseigenen Landwirtschaft und eines mobilen Sägewerkes überstanden.

Sebastian Wota stammt aus Polen. Dort hat er gelernt, Truhen und mittelalterliche Stühle zu bauen. Die letzten zwei Jahre habe er sich als Dachdecker über Wasser gehalten, sagt der junge Pole. Seine Renner in den Jahren vor Corona waren Scherenstühle aus Erle und Truhenbänke aus Fichte. Jetzt wisse er nicht, ob das Geschäft wieder so laufen werde und habe erst vor wenigen Wochen begonnen, die Stühle zu fertigen. „Wenn sie ausverkauft sind, muss ich auf Bestellung arbeiten“, erklärt er, denn ein Warenlager wie Amazon könne er sich nicht leisten.

Ein ähnliches Problem mit ausreichend Ware hat Töpfermeister Jürgen Tkotsch aus Berlin. Auch er war in früheren Jahren regelmäßig ausverkauft. „Seit Corona ist alles unkalkulierbar geworden“, sagt der Töpfer. Sonst habe er bereits im Sommer für Weihnachten gedreht. Nach dem Ausfall im letzten Jahr habe er das Geld nicht mehr gehabt. Jetzt muss in seiner Werkstatt Nachtschichten fahren, wenn der Absatz wieder da sein sollte, um neue Ware nachzufertigen.

Die richtigen Geschenke kommen von Herzen. Und von Hand!

Brandenburg ist die Heimat des Stallhof- Schmieds Thorsten Prang. Seine mittelalterliche Feldschmiede ist einer der imposantesten Stände des Weihnachtsmarktes, hat er doch nicht nur Blasebalg, Amboss und Schmiedefeuer zu zeigen, sondern auch dutzende Zangen, geschmiedete Ketten, Haken, Leuchter und anderes. Am Schmiedefeuer wird das Eisen rotglühend erhitzt und anschließend bearbeitet. Vor den Augen der Zuschauer entstehen so Kerzenleuchter oder Schalen. Stolz erklärt er: „Hier kannst du sehen, was entsteht. Das ist nicht Made in China. Das ist vom Schmied vom Stallhof, der mit seinen Hämmern das Eisen biegt.“ Vorgefertigte Ware habe er nie angeboten. „Die Leute wollen zusehen“, sagt er. Die Pandemie habe er gut auf verschiedenen Baustellen überstanden, aber jetzt freue er sich, endlich wieder in seinem Metier zu sein.

Neben den bereits aufgezählten Handwerkern sind im Stallhof auch ein Grafiker, ein Münzer, die Pantoffelmacherin, ein Silberschmied, Händler mit Fellen und Mützen, Küchengeräten aus Holz, Amuletten und Kristallen, Kleidung, Rüstungen, orientalischem Trockenobst und Gebrauchsgegenständen aus Horn zu finden. Die gastronomische Vielfalt reicht über prämierte Frucht- Glühweine, Winzerglühweine und Punsch, Thüringer Mutzbraten, Knoblauchbrote, Fleisch- und Kartoffelspieße, Hanffladen bis zu Kümmelstangen, Eierkuchen und Apfelkringel.

Großes Programm an allen Tagen

An den Wochentagen können die Stallhof – Besucher die Auftritte der Stallhof- Musikanten „Die Rapauken“ erleben. Das Duo spielt Werke von Bach, Händel und Pachelbel, aber auch mittelalterliche Volkslieder aus aller Welt, sehr zur Begeisterung der Besucher. Von Freitag bis Sonntag wird auf der historischen Bühne am Arkadengang ein mittelalterliches Musik- und Animationsprogramm geboten. Namhafte Spielleute und Gaukler der deutschen Mittelalterszene treten mehrmals täglich mit ihren Programmen auf. Mit dabei sind unter anderem Bands wie „The Sandsacks“, „Thuras Math“ und „Wohlgemut“ und Gaukler wie Orlando von Godenhaven oder Lautn Hals.

„Es gibt aber auch Dinge, die Stammgäste im Stallhof vermissen werden“, erläutert Marktmeister Thomas Zierfuß. „Unser beliebtes Musikensemble NEVA BRASS aus St. Petersburg wird in diesem Jahr nicht aufspielen.“ Dazu seien die politischen Verhältnisse zu schwierig. Aufgrund der Energiekrise habe man auch auf das Badehaus verzichten müssen. „Es wäre schwer erklärbar gewesen, wenn die Schwimmhallen der Stadt schließen und unser Gaudi- Bad in der Menge offenbleibt, als wäre nichts gewesen“, so Zierfuß. Auch sonst habe man an vielen Stellen Energie eingespart. So sei die aufwändige Fassadenprojektion auf modernere, sparsamere Technik umgestellt worden, „aber ich hoffe, die Besucher merken es nicht.“

Der Weihnachtsmarkt im Stallhof beginnt am Mittwoch, den 23. November 2022 um 16:00 Uhr und ist dann täglich von 11:00 bis 21:30 Uhr geöffnet. Er schließt am 23. Dezember. Nach Weihnachten öffnen sich erneut die Tore zu den „Dresdner Raunächten“, die vom 27.- 30. Dezember und vom 2. bis 6. Januar stattfinden. Von Freitag bis Sonntag wird ein Eintritt in Höhe von 5,00 bzw. 3,00 Euro erhoben.

Programminfos finden Sie hier.

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