Bahnhofsmission: Zu Gast bei den helfenden Blauwesten

Bahnhofsmission
Antonia Lorenz (re.) mit ihren ehrenamtlichen Teamkollegen Andrea Franke, Astried Fiedler und Irene Scheithauer sowie Thomas Slesazeck, Sprecher der Diakonie Stadtmission, die die Bahnhofsmission Dresden betreibt. Foto: Pönisch

Seit August 2019 gibt es am Dresdner Hauptbahnhof wieder eine Bahnhofsmission. Wer hier landet, sucht und bekommt Hilfe. Auch wenn er nicht mit dem Zug ankommt, sondern hier lebt.

Der Mann in mittleren Jahren sieht nicht aus, als ob er auf der Sonnenseite des Lebens stehen würde. Ganz im Gegenteil. Dennoch lächelt er. Hält einen dampfenden Kaffeepott in der einen, die Zigarette in der anderen Hand. Hierher in die Bahnhofsmission Dresden scheint er öfter zu kommen, hier kann er sich kurz aufwärmen und plaudern, ehe er wieder auf die Straße geht. Hinaus ins kalte Dresden…


„Wir sind Seismographen der Gesellschaft“

Antonia Lorenz leitet die Einrichtung, die im August 2019 nach Jahren der Unterbrechung wiedereröffnet wurde. Der nur wenige Monate dauernden Normalität folgten im März 2020 mit Corona und Lockdown ungekannte Herausforderungen, bei der die Bahnhofsmission zu einer Art „Türgeschäft“ wurde. „Wir durften ja keine Leute mehr in unsere Räume einlassen, also berieten wir am geöffneten Fenster“, erinnert sich die 33-Jährige.
Denn das muss man wissen: Wer hier auf der Bayrischen Straße landet, braucht dringend Hilfe. Was die Probleme sind? „Kleidung kaputt. Telefon weg. Ohne Schlafplatz. Hungrig. Durstig. Bestohlen. Verletzt. Plötzlich allein gelassen oder generell allein. Soziale Probleme. Oder einfach nur die Frage: Wie komme ich von hier weiter?“, zählt die junge Frau auf. Es gibt viele Gründe, die Hilfe der Menschen mit den blauen Westen in Anspruch zu nehmen. „Wir sind eigentlich ein Seismograph der gesellschaftlichen Verhältnisse.“

Doch es sollten noch viel größere Herausforderungen auf die zwei festangestellten Diakonie-Mitarbeiter und vielen ehrenamtlichen Helfer kommen: Mit Ausbruch des Ukraine-Krieges landeten zwischen Februar und Mai teilweise bis zu 1.000 Flüchtlinge täglich auf dem Dresdner Hauptbahnhof. „Insgesamt betreuten wir in den ersten neun Wochen um die 20.000 Ukrainer“, sagt Antonia Lorenz. Geschafft habe sie das mit ihrem Team nur, weil sich unglaublich viele Helfer fanden. Sie kamen, packten an wo es nötig war und einige blieben sogar bis heute. Was gut ist, denn „gerade steigt die Zahl der Flüchtlinge wieder an“, sagt Frau Lorenz. Kamen zuletzt wöchentlich ein bis zwei Menschen aus dem Kriegsgebiet in Dresden an, sind es nun wieder ein bis zwei täglich.

Jetzt in der Vorweihnachtszeit sehen sie in der Bahnhofsmission zudem wieder deutlich mehr Obdachlose. Und Einsame. Auch solche, die gleich ums Eck wohnen. Denn zur klimatischen Kälte kommt gerade die Not durch steigende Kosten in allen Bereichen. Eine halbe Stunde Wärme, ein Kaffee, ein paar nette Worte, die Vermittlung weiterer Hilfen – all das bekommen diese Menschen hier gratis. Sie merke schon, dass die Menschen emotionaler würden, dass ihr Geduldsfaden kurz, die „Explosionsgefahr“ hoch sei, sagt die Missionschefin. „Bei uns finden sie offene Ohren.“


Geschichte der Bahnhofmissionen

Die erste evangelische Bahnhofsmission wurde übrigens 1894 in Berlin von Pfarrer Johannes Burckhardt gegründet. Ursprünglich gedacht, um Frauen Schutz und Hilfe zu bieten, die im Zuge der Industrialisierung zum Arbeiten in die Städte zogen. Einige Jahre später erweiterte die Bahnhofsmission das Angebot um allgemeine Hilfen für Reisende. In dieser Zeit betrieben die Evangelische und die Katholische Kirche strikt getrennte Bahnhofsmissionen.
1897 eröffnete in München dann die erste katholisch-evangelische Bahnhofsmission. 1939 wurden die Einrichtungen generell verboten. Erst nach Ende des Zweiten Weltkrieges nahmen sie ihre Arbeit wieder auf. In der DDR galten die unter kirchlicher Führung stehenden Missionen bald als suspekt, angeblich wurde hier Spionage für den Westen betrieben. 1956 folgte das Verbot, erst nach der Wende etablierten sich die ersten Bahnhofsmissionen wieder im Osten.

Heiligabend in der Kathedrale

Der Mann in den mittleren Jahren ist mittlerweile weitergezogen. Vielleicht in eins der sieben Dresdner Nachtcafés. Die öffnen täglich ab 19 Uhr und bieten ein warmes Lager für die Nacht. Nach dem Frühstück am nächsten Morgen muss er wieder raus. Vielleicht führt ihn sein Weg wieder zum Dresdner Hauptbahnhof, wieder zu Antonia Lorenz und ihren Helfern. Den Heiligabend verbringt er vielleicht im Haus der Kathedrale auf der Schlossstraße 24. Dort gibt es ein Weihnachtsfest mit Krippenspiel, Kaffeetrinken und Abendessen.

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