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Demokratie ad absurdum

Wahlokratie-Premiere in Dresden Mit der "Wahlokratie" startete das Staatsschauspiel Dresden in die neue Spielzeit 2017/18. (Foto: Staatsschauspiel Dresden)

Dresden. Es hätte ein spannendes Experiment sein können. Menschen, die wählen dürfen, aber nicht wollen kommen mit Menschen zusammen, die wählen wollen, aber nicht dürfen. „Wahlokratie“ nennt sich das Experiment, das vom Staatsschauspiel Dresden gemeinsam mit der Performancegruppe andcompany&Co am Dienstagabend auf die Bühne im Großen Saal der Dreikönigskirche gebracht wurde.

Soviel sei gleich am Anfang verraten: das Experiment ist gescheitert. Die Inszenierung an historischer Stelle geriet zur reinen Klamaukveranstaltung. Angefangen bei den Moderatoren, von denen besonders Nicola Nord wie ein aufgescheuchtes Reh über die Bühne flitzte, über das merkwürdige Wahlkandidaten-Procedere in Herzblatt-Manier. Endend bei Ezé Wendtoin, der zum Schluss den geliehenen Wahlzettel in eine Wahlurne stecken und somit das Experiment des Stimmenleihs beschließen durfte.

Maximaler Aufwand und banale Absurditäten

Dabei betrieben die Akteure maximalen Aufwand. Zum Beispiel mit der großen Leinwand, auf der sowohl das Geschehen auf der Bühne als auch aus dem Backstage-Bereich übertragen wurde. Zudem erhielt jeder Zuschauer ein Los mit einer Nummer. So sollte sich der Eindruck verfestigen, dass tatsächlich einer aus ihren Reihen später auf die Bühne gelost werden würde. Natürlich gehörte auch der durch die antike Wahlmaschine ausgewählte Mitspieler dann zum Ensemble.

Knapp 75 Minuten reihte sich eine Absurdität an die andere. Fragen der Stimmenempfänger an die Stimmenverleiher hatten das Niveau von Beziehungstests, „was würdest Du mit einem guten Freund alles tun“, „was tun wir, wenn wir die Stimme abgegeben haben“. Das hat mit ernsthafter Beschäftigung eines ebensolchen Themas nichts zu tun und wird auch dem Anspruch, den die Inszenierung durch die in den vergangenen Wochen gestartete Marketingmaschine geweckt hatte, in keinster Weise gerecht.

Es ist ein Abend, der eher auf RTL 2-Niveau daher kommt, als sich ernsthaft mit dem selbstgewählten Thema zu beschäftigen. Es mag unserer Internet-Demokratie geschuldet sein, dass Politik sich auch immer irgendwie inszenieren muss. Auf Wahlplakaten, in Fernsehspots oder in Fernsehsendungen, in denen es oft genug mehr um das Styling von Kandidaten geht, als um ernsthafte Inhalte. Die Fernsehsender und Moderatoren tun ihr übriges dazu. Und so reiht sich diese Inszenierung (leider) in diese Tradition ein und vermittelt, dass Demokratie ja auch irgendwie besonders lustig sein muss, damit sie genügend Reichweite erzielen kann. Wie ernst aber unsere Demokratie durch Demagogen und Möchte-gern-Präsidenten hier und weltweit bedroht ist, hat nichts mit Spaß zu tun. Demokratie ist eine ernste Sache, und genau so sollte sie auch behandelt werden, anstatt sie auf dem Altar der Absurditäten zu opfern.

Das Experiment „Wahlokratie“ ist gescheitert. Und als Zuschauer ist man froh, dass es ein solches maximal alle vier Jahre wieder geben wird.

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