Dresdner nähen Mundschutz

Mundschutz nähen Corona
Lange hatte Romina Stawowys Nähmaschine geschlummert. Jetzt leistet sie wieder gute Dienste. Rund 60 Mundschutzmasken aus lustig bedrucktem Baumwollstoff hat die 37-Jährige schon fürs Uniklinikum genäht. // Foto: Sven Ellger

TJG, Operette und private Helferinnen lassen die Nähmaschinen rattern.

Aus den letzten Shirts und Hosen sind Rominas Söhne längst herausgewachsen. Als ihre drei Jungs noch kleiner waren, hat die 37-jährige für sie genäht wie eine Weltmeisterin. Eine kunterbunte Patchworkdecke liegt noch auf dem Sofa, doch die anderen Eigenkreationen sind inzwischen verschwunden. Das Nähen hatte die gelernte Mediengestalterin längst aus den Augen verloren. Bis vergangene Woche.

Da erreichte sie ein Hilferuf aus dem Uniklinikum. Eine Bekannte, die dort arbeitet, bat um Unterstützung bei der Produktion von Mundschutzmasken. Die sind selbst in den meisten Kliniken Mangelware, seit sich so viele Menschen vor Ansteckung mit dem gefährlichen Coronavirus schützen wollen.

Alte Stoffreste bekommen neue Funktion

Zwar kann niemand einfach so an der heimischen Nähmaschine eine echte Atemschutzmaske nähen. Dafür fehlt das passende Material und der nötige Filter. Trotzdem brauchen Mitarbeiter in Krankenhäusern, Altenheimen und Gesundheitsämtern dringend die Möglichkeit, Mund und Nase hinter den kleinen Stoffmasken zu verbergen. Schließlich lauern in diesen Bereichen noch mehr gesundheitliche Gefahren als Corona. Romina Stawowy zögerte nicht lange und holte ihre Nähmaschine hervor. Dazu all die Stoffreste, die sie aufgehoben hatte. Erst Anfang des Jahres hat sich die Veranstalterin der femMit-Konferenz mit ihrer eigenen Agentur selbstständig gemacht. Im Juni soll das nächste Treffen engagierter Frauen in der Dresden Ostradome stattfinden. Doch ob das möglich sein wird, ist genau so unklar wie die Zukunft so vieler anderer Tagungen, Konferenzen und Messen.

Zeit zu Hause sinnvoll nutzen

Weil sich auf dem Veranstaltungsmarkt gerade kein Rad dreht, ist Romina im Moment hauptsächlich Mutter ihrer drei Söhne. Die sind zwischen sechs und 12 Jahre alt und sitzen seit Tagen zusammen mit ihr am großen Tisch im Wohnzimmer – die Kinder mit ihren Hausaufgaben oder Spielen, Romina mit ihrer Nähmaschine. Die hatte die lange Pause im Schrank zunächst übel genommen und keinen Stich gesehen. Doch zum Glück war mit ein paar Tropfen Öl schon viel gewonnen. Romina konnte loslegen, und um auch andere zum Mitnähen zu motivieren, erstellte sie mit Hilfe diverser Anleitungen im Internet eine eigene Beschreibung zum Nähen von Mundschutz. Die gibt sie gern an alle Interessierte weiter.

In diesem Zusammenhang fällt ihr mal wieder etwas auf, wofür sie schon von Berufswegen besonders sensibel ist: „Frauen halten gerade die Gesellschaft am Laufen.“ Überwiegend arbeiten sie im Gesundheitswesen, in der Altenpflege, im Verkauf. „Mich hat noch kein einziger Mann nach der Nähanleitung gefragt“, sagt sie.

Es sind auch Frauen, die unabhängig von Romina Stawowy das große Mundschutz-Nähen begonnen haben. Seit Montag lassen die Kostümbildnerinnen und Schneiderinnen des Theaters Junge Generation und der Staatsoperette Dresden ihre eigentlichen Aufgaben ruhen. Normalerweise würden sie jetzt für kommende Inszenierungen wie „Gertrude“, „Das Dschungelbuch“ oder „Das doppelte Lottchen“ am TJG Kostüme entwerfen und nähen. An der Operette würde die Wiederaufnahme der „Zauberflöte“ vorbereitet und die Sänger für „Casanova“, „Frau Luna“ und „Emil und die Detektive“ eingekleidet.

Kulturbetriebe helfen trotz schwieriger Lage

Das alles fällt aus. Die Theater der Stadt sind geschlossen. Auch hinter den Kulissen kann nicht einfach weitergemacht werden wie bisher. Wie sollte denn auch geprobt oder in den Werkstätten mit einem Sicherheitsabstand von zwei Metern von Kollege zu Kollege gearbeitet werden? So kommt nun der schwierigen Lage zugute, was Frauen wie Claudia Brade gut von der Hand geht. Sie ist die Leiterin der Abteilung Kostümwesen am Theater Junge Generation und koordiniert ab sofort das Nähen von Mundschutzmasken für Mitarbeiter von Ämtern der Bereiche Gesundheit, Soziales und Sicherheit, auf deren Kontakt zu anderen Menschen auch unter Coronagefahr nicht verzichtet werden kann.

Mehr Stoff für mehr Masken bestellt

Den Auftrag bekamen die Theater direkt von Oberbürgermeister Dirk Hilbert und der Dresdner Stadtverwaltung. „Wir haben nun jede Menge Stoff bestellt und die Arbeit der insgesamt 24 Frauen organisiert“, sagt Claudia Brade. Sie nähen daheim und müssen regelmäßig mit Stoffen, Bändern und anderen Arbeitsmitteln beliefert werden. „Die fertigen Masken lassen wir vom Kulturkraftwerk Mitte abholen.“ Dann werden sie auf die Mitarbeiter der Ämter verteilt.

Damit sie schützen, müssen die Baumwollmasken regelmäßig gründlich ausgekocht werden. „Der Stoff muss das aushalten. Er darf nicht zu dick und nicht zu dünn sein“, erklärt die 48-Jährige. Doppellagig genäht sollen die Nutzer trotzdem noch gut hindurch atmen können.

Seit 31 Jahren arbeitet Claudia Brade am Theater Junge Generation. „In dieser langen Zeit habe ich schon viel erlebt“, sagt die gelernte Herrenmaßschneiderin. Doch die aktuelle Situation ist eine extreme Herausforderung. Auch wenn sie eigentlich aufwändige Kostüme erschafft sich jetzt nützlich machen zu können, ist für sie und ihre Theaterkolleginnen ein schönes Gefühl.

Hier finden weitere Helferinnen und Helfer Rominas Mundschutz-Nähanleitung: www.szlink.de/Maske

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