Kleines Land mit großem Charme

Der unvermeidliche Mate muss überallhin mit. Foto: Kornelia Doren

Das südamerikanische Uruguay beeindruckt als warmherziges und entspanntes Reiseland mit hohen ethischen Standards. Die Non-Profit-Organisation „Ethical Traveller“ hat es deshalb jetzt erneut zu einem der zehn Top-Urlaubsziele der Welt erklärt, die man mit gutem Gewissen bereisen kann.
Im Gegensatz zu vielen, aktuell besorgniserregenden Regionen der Erde ragt Uruguay als wohltuend ruhiges, „grünes“ Urlaubsziel heraus. Der sonst so quirlige und gewaltgeplagte Kontinent birgt ein verstecktes Juwel, wo die Welt noch in Ordnung zu sein scheint. Die es wissen, nehmen dafür ab Madrid 13 Flugstunden in Kauf. Und genießen als zivilisationsgeplagte Mitteleuropäer eine Ruhepause.
Wie ein kleines Tortenstück liegt Uruguay eingekeilt zwischen seinen beiden riesigen Nachbarn Argentinien und Brasilien. Womit die gut besuchten „Großen“ aber nicht auftrumpfen können, ist der hohe Sicherheitsstandard. Und die Beschaulichkeit eines gemächlichen Alltags: Mopeds und Autos tuckern langsam, Passanten schlendern, selbst die Jogger laufen gemächlich die Rambla entlang. Die beliebte 22-Kilometer-Strecke dient der Hauptstadt Montevideo als Strandpromenade. Der aus europäischer Hektik Ankommende, noch vom Jetlag geplagt, taucht in eine Art Zeitlupe ein. So fühlt sich Runterschalten an.

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Mit knapp 3,5 Millionen Einwohnern leben im ganzen Land genauso viele Menschen wie in Berlin. Und das auf einer Fläche, die nur halb so groß ist wie Deutschland. Im Landesinneren zählt die Statistik knapp 20 Köpfe pro Quadratkilometer, meist im eigenen Häuschen.
Anders sieht es in der Kapitale aus. In oder dicht um Montevideo herum lebt die Hälfte der Bevölkerung zur nicht eben billigen Miete. Am Regierungssitz schlägt das politische, kulturelle und soziale Herz des Landes. Politisch gilt Uruguay als stabil. Und das, obwohl oder weil viele Ex-Guerilleros des Tupamaro-Widerstands gegen die frühere Militärdiktatur heute im Parlament sitzen.
Stabil ist auch das Klima. Die subtropischen Verhältnisse mit klarer, trockener Luft, dem regelmäßigen Regenschauer und manchmal stürmischem Wind erinnern an die Nordküste Spaniens und Italiens. Aus diesen Ländern stammen auch die beiden größten Migranten-Gruppen, die im 19. und 20. Jahrhundert als Landarbeiter, Handwerker oder Winzer „im warmen Herzen Südamerikas“ in ein neues Leben aufbrachen. Wer heute durch die fruchtbaren, zuweilen menschenleeren Landschaften fährt, trifft mitunter sogar auf der Autobahn auf klappernde Pferdewagen und brüllende Rinder, die in paradiesischer Freiheit grasen.
Die Herden hatten einst spanische Eroberer ausgesetzt – auf den saftig grünen, weiten Wiesen gediehen sie prächtig. Und tragen heute zur kulinarischen Bekanntheit des Landes bei. Denn Uruguays Rinder laufen viel, was ihr Fleisch so zart und hochwertig werden lässt, sagt der Münchner Agrar- und Wirtschaftsjournalist Reinhold Bonfig. „Reines Weidefleisch ist wasserreduziert, nährstoffreicher und geschmackvoller. Es enthält in aller Regel keine Antibiotika-Rückstände und ist kaum mit Stresshormonen belastet.“ Auf knapp 160 Fincas können sich Gäste von dieser Qualität überzeugen und dazu den bekanntesten Rotwein, den Tannat, genießen. Wer Lust hat, darf sich an typischen Landarbeiten beteiligen und beim Viehtreiben oder Brotbacken zupacken. Die beliebte Form des Aktivurlaubs in der Natur nennt man hier Turismo rural.

Mate immer dabei

Bevor das Lasso erfunden wurde, hielten die Gauchos genannten Cowboys ihre Rinder mit drei an Kordeln gebundenen Steinen in Schach. Diese Prügelei haben die modernen, strengen Tierschutzgesetze des Landes abgeschafft. Doch auch mit sich gingen die Gauchos nicht zimperlich um. Statt eines Frühstücks tranken sie vor dem morgendlichen Ausritt Mate gegen den Hunger – ein aufgebrühtes Kraut aus der Familie der Stechpalmengewächse. Der Aufguss der Gauchos wurde im Laufe der Zeit zum identitätsstiftenden Volksgetränk.
Soweit die Legende. Denn in Wirklichkeit kannten es die Ureinwohner weit vor der Kolonialzeit. Doch die indigenen Stämme waren Mitte des 18.Jahrhunderts faktisch ausgerottet. Also gilt Mate bis heute als „das“ Ursprungsgetränk des bescheidenen Uruguay-Siedlers, obwohl es in Brasilien und Argentinien genauso weit verbreitet ist.
Neben dem Fußball ist Mate zweifelsfrei ein Nationalheiligtum. Denn das dazu notwendige Rüstzeug tragen praktisch alle Urugayos zu jeder Tages- und Nachtzeit am Körper: den kürbisförmigen kleinen Becher namens Calabasa, das metallene Saugrohr Bombilla, die fermentierten Blätter, genannt Hierba, und – fest unter den Arm geklemmt – die Thermoskanne. Selbstverständlich darf der Mate auch auf Arbeit niemals fehlen. Wie man neben dieser obligatorischen Ausrüstung noch eine Hand für Aktentasche oder Regenschirm frei haben kann, bleibt ein Staatsgeheimnis.
Doch nicht der Mate, sondern das Fleisch, das Leder und die gute Schafwolle machten Uruguay in den bewegten (Kriegs-)Zeiten des 20. Jahrhunderts reich. Noch heute gilt die Landwirtschaft neben dem Tourismus als Hauptwirtschaftszweig.
Gestresste Argentinier und Brasilianer lockt die Naturschönheit des kleinen Nachbarn, um Kraft zu tanken. Sei es beim Ausritt mit den Gauchos durch eine einsame Landschaft. Oder beim Beobachten riesiger Seehundkolonien. Oder beim Absurfen einer bis zu 70 Meter hohen Wanderdüne. Zum Ausklang prasselt das Lagerfeuer zum musikalischen Hippie-Abend am Strand des Naturparks von Cabo Polonio. Zu finden ist all dies im Departamento Rocha, 160 Kilometer östlich der Hauptstadt.

Menschenrechte und Umweltschutz

Und auch nachhaltig Reisende aus Übersee, denen schöner Strand plus Pauschalhotel ohnehin nicht genügen, sondern die darauf achten, in welches Land sie reisen, wenn es um Menschenrechte, Tierwohl oder Umweltschutz geht, haben Uruguay für sich entdeckt. Dessen winziges Volk hat bisher überwiegend durch Fußball und den klugen, bescheidenen Lebensstil ihres unkonventionellen Ex-Präsidenten José Mujica auf sich aufmerksam gemacht. In den kommenden Jahren hofft man, den Rest der Welt auch mit der landschaftlichen, kulturellen und architektonischen Vielfalt dieses Fleckchens Erde beeindrucken zu können – was in Europa sicher guten Anklang finden wird.
Denn die vorbildlichen ethischen Standards beeindrucken. Laut „Transparency International 2014“ gehört Uruguay zu den Ländern Südamerikas mit der geringsten Korruptionsrate. Es setzt unter dem Slogan „Uruguay Natural“ auf den Schutz von Mensch und Umwelt sowie auf eine gesunde Lebensweise. Dazu zählt die Förderung von biologisch angebauten Lebensmitteln und naturbelassenem Fleisch von „glücklichen Rindern“.
Der Staat stattet seit 2007 jedes Kind kostenlos mit einem schnellen Internetzugang und einem Laptop aus, um die digitale Lücke zwischen Arm und Reich zu verringern. Von dieser Art Grundrecht profitieren mittlerweile auch bedürftige Rentner, die ein iPad erhalten, um up to date zu sein.
Zudem pflegt das Entwicklungsland eine Willkommenskultur gegenüber allen sexuellen Orientierungen, gerade auch unter Touristen. Vor allem aber achtet es dabei auf den Schutz von Kindern und Jugendlichen. So findet sich zum Beispiel auf fast allen Türen von Restaurants, Hotels und Souvenirgeschäften ein Aufkleber des Tourismus-Ministeriums. Er besagt, dass diese Unternehmen verantwortungsvoll agieren und einem Verhaltenskodex zum Schutz Minderjähriger vor sexueller Ausbeutung im Tourismus folgen. In der Praxis heißt das: Es wird nicht weggesehen, sondern gehandelt. Täter, die sich im Urlaub an Schutzbedürftige heranmachen, egal, ob in einer Burger-Bude oder in einer Strand-Bar, haben mit Strafverfolgung zu rechnen – auch im Heimatland. Für die internationale Reisebranche bildet Uruguay in diesem Punkt eine Ausnahme und ein nachahmenswertes Vorbild.
In mancher Hinsicht ist das kleine Land sogar noch moderner als europäische Staaten. Auf der UN-Klimakonferenz vom Dezember 2015 in Paris berichtete Ramón Méndez vom Ministerium für Wohnungswesen, Raumordnung und Umwelt davon, wie sein Land in weniger als zehn Jahren dahin gekommen ist, fast 95 Prozent seines Strombedarfs aus erneuerbaren Energien zu decken und die Strompreise drastisch zu senken.
Aufgrund dieser Pionierleistungen rechnet die gemeinnützige Organisation „Ethical Traveller“ Uruguay unter die empfehlenswertesten Destinationen im sanften Tourismus. Zu Recht, und man darf auf weitere pfiffige Projekte gespannt bleiben.
Kornelia Doren

urualemania.de

Die Reise wurde gefördert vom urugayischen Tourismus-Ministerium und der Air Europa, aireuropa.com

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