Die Dresdner Neustadt feiert das ganze Jahr über BRN

BRN-Feeling in der Äußeren Neustadt Foto: Una Giesecke

Gemeinsam mit Gästen aus aller Welt zu feiern, wie es die Dresden-Werbestrategen 2016 zum Jahresziel erklärt haben, ist im Szeneviertel Äußere Neustadt längst gelebter Alltag. Am Eingang zur Einflugschneise Alaunstraße begrüßt ein Whiskybecher auf dem Erich-Kästner-Denkmal die Partygänger. Neustadtscout Anett Lentwojt rät ihren Gästen, einer Junggesellinnen-Abschiedsrunde aus dem Odenwald, im Kästnermuseum schräg gegenüber mal in den geheimnisvollen Schubladen nach dem amourösen Briefwechsel des berühmten Schriftstellers zu fahnden.
Bekanntschaften lassen sich in Dresdens Ausgehviertel leicht knüpfen. An der Alaunstraße hocken drei junge WG-Bewohner auf ihrem Westbalkon, um die Saison mit einem Bier zu eröffnen. Sie prosten den Passanten zu und schon liegt ein Hauch BRN in der Luft – denn hierher pilgern das ganze Jahr über Erlebnishungrige. Die BRN, die Bunte Republik Neustadt, ist ein Stadtteilfest am dritten Juniwochenende und gilt den bis zu 150.000 Gästen als riesige eintrittsfreie Party. Rund tausend Musiker treten an den drei Tagen auf Bühnen, in Höfen und zu spontanen Straßenmuggen auf.
Den Namen trägt das Fest seit 1990. In den von der DDR-Mangelwirtschaft hinterlassenen Ruinen hatte ein widerborstiges Völkchen von Studenten, Künstlern und Dissidenten seinen eigenen Stadtstaat proklamiert. Anett Lentwojt enthüllt für Selfies die Mickey-Mouse-Flagge und zeigt die Spaß-Währung herum. „Wer Punknoten nachläuft oder verfällt, wird mit Umsiedlung nach Gorbitz bestraft“, steht darauf. Die seinerzeit aus dem Schlamm gestampfte Neubausiedlung – Schreck der in der Neustadt ansässigen Ostpunkrocker – galt den von hier fliehenden „Normalbürgern“ als Erlösung vom ewigen Kohle- und Asche-Eimerschleppen. In leeren Neustadtkellern nisteten sich Bands ein, darunter Dekadance, deren Drummer inzwischen bundesweit bekannt ist als Comedian: Olaf Schubert.

Livebands in vielen Clubs

Nonsense-Dschäß, Trash oder eben Punkrock wummert nach wie vor in der dichten Clubszene des Kneipenviertels. „In ganz Dresden beschallen rund 500 Bands die reichlich 500.000 Einwohner“, konstatiert Anett Lentwojt und führt ihre absätzeklackernden Mädels in einen Hinterhof. „Die Groove Station ist mein Lieblingsclub.“ Von 16 bis 60 hopst hier alles durcheinander zu einem Mix aus Surf bis Alternative. Ausruhen kann man sich beim Kickern und an den Billardtischen im Raum dahinter. „Heute spielen hier drei Bands“, drückt ein junger Mann der „Weiberrunde“ Flyer in die Hand. Wer mehr auf Charts und Neunziger steht, ist gleich daneben, im Downtown, an der richtigen Adresse.
Einen Katzensprung um die Ecke fällt das geneigte Publikum in die Scheune. In dem angesagten Kulturzentrum spielen allmontäglich gegen Getränkeaufpreis die Jazzfanatics. Schaubudensommer-Stammgast Annamateur füllt regelmäßig als stadtbekannte Hackfresse und Wahnsinnsröhre mit ihrem eigenen Chaos-Format den Saal zum Bersten. Und in Reminiszenz an die Fünfziger/Sechziger – die Scheune wurde 1952 zu Ehren von Väterchen Stalin errichtet – schmettert die 20-köpfige Dresden Bigband regelmäßig zum Lindy Hop. Am BRN-Wochenende beschallt sie den Vorplatz live. So dürfen beispielsweise am Sonntag Nachmittag Mutige gegen Obolus dirigieren.
Tanzen ist erwünscht. Anett Lentwojt behauptet: „Dresden hat die größte Tango-Argentino-Gemeinde Deutschlands.“ Egal, ob Tango oder Salsa, Lindy Hop oder Freestyle – auf Kamenzer und Sebnitzer Straße wird zur BRN getanzt.

Rund ums Bermuda-Dreieck

Eng, zu eng zum Tanzen wird es abends und nachts regelmäßig an der Kreuzung Alaun-/Louisenstraße. Die einfacheren, dafür härteren Rhythmen und Drinks werden den Metalfans im Heavy Duty kredenzt. Das Madness legt querbeet bis hin zu Indie-Pop auf, Kathy’s Garage – die ehemalige Vulkanisierwerkstatt ist am Mini auf dem Dach und den Utensilien an den Wänden zu erkennen – zieht mit Lagerfeuer, Newcomer-Bands und Neustadtdisko die Studenten aus dem Campus ab.
Ein paar Schritte weiter am „Bermuda-Dreieck“ Rothenburger/Görlitzer Straße lockt das Blue Note die Gäste mit musikalischen Feinschmeckern von der überfüllten Kreuzung. Fast täglich geben sich in der winzigen Bar Namen aus aller Herren Länder die Ehre sowie R’n’B, Experimentelles oder Folkpop zum Besten.
So richtig abhotten lässt es sich auf den zwei Floors im Kiezklub um die Ecke. Wenn die letzten Gäste irgendwann gegangen sind, treffen sich die Kneiper zum Absacker im Lebowski, wo der Film in Endlosschleife läuft, während sich einsame  Nachtschwärmer im Görlitzer Platz 1 vom Barkeeper psychologisch betreuen lassen. Falls es mit dem Planziel gemeinsam zu feiern diesmal noch nicht so geklappt hat. Doch die Neustadt gibt jedem eine (zweite) Chance. Una Giesecke

 

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