„Leben und Sterben“ im Deutschen Hygiene-Museum

Vietnamesen in Dresden bringen ihren Ahnen Papieropfer für ein gutes Leben im Jenseits: schicke Kleidung, Schuhe und Goldbarren. Foto: Una Giesecke

Der Traum vom ewigen Leben ist so alt wie die Menschheit selbst – weltweit haben sich schon rund 250 Personen nach ihrem Tod kryokonservieren lassen. Tiefgekühlt in flüssigem Stickstoff harren die teuren (Kostenpunkt: 50.000 bis 150.000 Euro) Toten der Wiedererweckung ihrer gefrosteten Zellstruktur in ferner Zukunft.

Dies ist nur eine der vielfältigen Bestattungsformen, die die komplett überarbeitete Abteilung „Leben und Sterben“ im Hygiene-Museum vorstellt. Der neue Themenraum widmet sich von der ersten Zelle bis zum Tod dem Phänomen des menschlichen Lebens nicht mehr nur aus biologischer Sicht, sondern bezieht jetzt auch ethische, künstlerische und kulturwissenschaftliche Ansätze ein.

„Die Sicht auf Anfang und Ende des menschlichen Lebens hat sich seit Eröffnung der Dauerausstellung vor fast 15 Jahren spürbar verändert“, begründet Direktor Klaus Vogel den ungewöhlichen Schritt. Vom Fruchtbarkeitskult unserer Vorfahren bis zu gentechnischen Laborversuchen, künstliche Organe zu züchten, breitet sich eine Palette unterschiedlichster Aspekte vor den Besuchern aus.

Was ist krank, was ist gesund?

Um Krankheit geht es in einer Abteilung, die unter anderem auf Tausende normierte medizinische Diagnosen verweist. „Andererseits definiert jeder Mensch Krankheit für sich immer wieder neu“, ergänzt Wolf Unterberger, Mitarbeiter von Kuratorin Gisela Staupe. Folglich widmen sich Exponate wie Waage, Turnschuhe oder Zahnbürste auch dem Gesundbleiben.

In Konsequenz daraus beschreibt die modernisierte Abteilung zum Altern nicht mehr nur den Vergänglichkeitsprozess, sondern heißt nun „Länger leben“. Sie behandelt die dritte Lebensphase neben der längeren Berufstätigkeit als eine Zeit, in der es ums Ausspannen, Genießen und Fitbleiben geht, aber auch um Kontakte: von Enkeln über Partner bis zu hochbetagten Bekannten begleiten Seniorinnen und Rentner ihre Mitmenschen. Ein Internetprojekt blickt auf persönliche, als prägend erlebte biografische Stationen.

„Der Tod kehrt heute in die Mitte des Lebens zurück“, meint Wolf Unterberger. „Im 18. Jahrhundert noch öffentlich in der Kirche betrauert, war das Sterben im vorigen Jahrhundert ins Unsichtbare geraten.“ Gesetze und Kommentare, Medienstationen und Blicke in andere Kulturkreise liefern reichlich Stoff für Diskussionen um Sterbehilfe, Ahnenkult oder selbstbestimmte, teils völlig neue Abschiedsformen.

Neben dem eingangs erwähnten Einfrieren kann man sich etwa „auf den Mond schnipsen“ lassen. Schon Hunderte Weltraumbegeisterte landeten seit 1997 als Aschenkapsel dort oder in den Weiten des Alls. Mit 11 000 bis 25 000 ist man schon dabei. Als Edelstein kann man ebenso enden wie in einer Fußballurne. Zu herkömmlichen Gräbern gesellen sich mittlerweile Friedwälder.

Das Nachdenken über die eigene Sterblichkeit, wozu auch begleitende Bildungsangebote für Jugendliche anregen, führt zu existenziellen Fragen an Lebensinhalte, Werte, Gefühle und Persönlichkeitsentwicklung. Denn wenn der Mensch schon nicht ewig leben kann, so liegt es heutzutage immerhin ein Stück weit in seiner Hand, länger und besser zu leben.

Di. – So., 10 – 18 Uhr, 8/4 Euro, bis 16 J. frei, www.dhmd.de

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