Moderner Dostojewski am Dresdner Staatsschauspiel

"Erniedrigte und Beleidigte" nach dem Roman von Dostojewski Foto: Sebastian Hoppe

Nicht überall, wo Dostojewski dran steht, ist er auch 100-prozentig drin. In der Dresdner Premiere von „Erniedrigte und Beleidigte“ wurden – ganz nach Dostojewskis Art, sich selbst zu zitieren – jede Menge Auszüge daraus zu einem Remix zubereitet, gewürzt mit Versatzstücken anderer Autoren. So ein Theater, konnte man kopfschüttelnd meinen: mit viel Kunstnebel, mit viel Gerenne und Gestikuliere, Gekrieche und Gewälze, mit Wasser und Farbe übern Kopf. Alle reden durcheinander, jede Figur hat ihre Sequenzen, die mal solo, mal parallel laufen, mal in Sprechchöre münden.
Diese Stakkati und die dramturgich gesetzten dröhnenden Musikeinspielungen bilden die verabredeten Ankerpunkte, dazwischen Jonglage mit Film- und Schattenspielsequenzen sowie darstellerische Improvisationen, Wiederholungen, Aktionismus und Rollen-Reflexion. So will es die Regie, wer es auch will, muss 160 Minuten ohne Pause einplanen.
Der überwiegende Teil des Premierenpublikums wollte es und harrte aus. Es sei nicht uninteressant, heißt es. Wie im echten Leben, wo auch alle aneinander vorbeireden. So was Modernes sehe man sonst nur in Leipzig. Dorthin ins Museum der Moderne soll auch eines der Bilder gehen, verspricht Intendant Joachim Klement, das auf einer Riesenleinwand am Ende des Stücks vom Ensemble geschaffen worden ist, an jedem Abend neu, weil jede Vorstellung wie ein Happening sich von der anderen unterscheidet.

Dafür Geld ausgeben?

Und dafür Geld auszugeben, lohnt schon deshalb, weil immer noch genug Dostojewski drin steckt. Dieser genaue Beobachter menschlicher Gemüts-, Energie- und Gefühlszustände liefert Schauspielern wie Zuschauern ausreichend Stoff zum Durchspielen und Nachdenken: wie Naive in Verhängnisse schlittern, wie Arme in die Prostitution getrieben werden, wie Erniedrigte sich selbst zu hassen beginnen, wie Ausgehungerte gierig werden, wie Beleidigte hypersensibel reagieren.
Dostojewski thematisiert, wie Verleger absichtlich Risiken auf Autoren abwälzen; wie Mächtige aus Unachtsamkeit oder emotionaler Verarmung heraus andere für sich weinen oder bluten lassen; wie Gottlose, die nicht vor Ehrfurcht schaudern können, alles zerlegen; wie ein eiskalter Wink ein Schicksal zerstört; wie man Ehebündnisse oder Karriere-Netzwerke schmiedet, ohne die Beteiligten zu achten; wie geldgeile Egoisten alle, die Empathie und Bescheidenheit zeigen, als Dummköpfe verachten.
Dostojewski führt vor, wie abgehobenen Rhetorikern das Maul gestopft wird oder wie man Umstürzler in eine Zwangsjacke steckt. Einblendung: Tollhäuslergeschwätz. „Ach, wenn ich doch neu beginnen könnte, sobald ich rauskomme aus dem Irrenhaus.“ Wer sagt sich das heute nicht auch hin und wieder. Oder: „So geht es nicht weiter.“ Dostojewski rät: „Versuch doch mal, um Verzeihung zu bitten.“

Tickets und Infos zu den Spielzeiten gibt es hinter diesem Link

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