100 Jahre Frauenwahlrecht in Dresden

Zwei Ausstellungen erinnern an die ersten Dresdner Politikerinnen

Männer und Frauen, Jung und Alt bunt gemischt - rund hundert Leute kamen zur Eröffnung der eintrittsfreien Ausstellung im Bürgerfoyer des sächsischen Landtags. Foto: Una Giesecke
Männer und Frauen, Jung und Alt bunt gemischt - rund hundert Leute kamen zur Eröffnung der eintrittsfreien Ausstellung im Bürgerfoyer des sächsischen Landtags. Foto: Una Giesecke

Eine Dresdnerin schaffte es vor hundert Jahren direkt in die Weimarer Nationalversammlung: Hedwig Kurt wurde am 19. Januar 1919 aus 300 Kandidatinnen zu einer der 37 weiblichen Abgeordneten (386 Männer) gewählt. Die 42-jährige Strohhutnäherin war mit einem Steinmetz verheiratet, später geschieden und neu verheiratet, gestorben 1951 in Flensburg. Viel mehr gibt die Aktenlage nicht her. Über Ernestine Lutze, die als zweite Dresdnerin im April nachrückte, haben die Archive immerhin ihre politischen Ämter seit 1902 und ein Bild erhalten.

Nur zwei Wochen später, am 2. Februar, zogen die ersten drei Frauen in die Sächsische Volkskammer ein, darunter Julie Salinger, an die heute eine Straße und ein Stolperstein in Dresden erinnern. Und schon am 9. Februar rief man das Dresdner Wahlvolk zum dritten Mal an die Urnen: Zehn Frauen gelang der Sprung in die Stadtverordneten-Versammlung. Diese bestimmte am Jahresende die weitaus einflussreicheren Stadträte, dieses Amt traten 1920 die ersten drei Dresdnerinnen an. 

Als der Rat der Volksbeauftragten am 12. November 1918 den Beschluss des aktiven und passiven Wahlrechts für Frauen fasste, zählte Deutschland nach Skandinavien zu den Vorreitern in Europa. Da es die damalige Geschichtsschreibung nicht erwähnenswert fand, wer den bahnbrechenden Antrag einbrachte, könnte es eine Frau gewesen sein. Klara Noack aus Dresden? Dokumentiert ist, dass sie zum Vereinigten revolutionären Arbeiter- und Soldatenrat Groß-Dresden gehört hat und auch im Dezember 1918 als eine von insgesamt zwei Frauen am Reichsrätekongress in Berlin teilnahm.

Hinweise von Dresdnern gefragt

Dem war ein jahrzehntelanger Kampf vorausgegangen. Schon 1843 hatte die Begründerin der deutschen Frauenbewegung, die Meißnerin Louise Otto-Peters, die Teilnahme der halben Bevölkerung am Staatsleben publizistisch wirksam auf die Agenda gesetzt. Doch noch 1873 stieß auch die Berliner Schriftstellerin Hedwig Dohm mit demselben Ansinnen für das junge Deutsche Reich nicht nur bei Männern auf erheblichen Widerstand. Selbst den meisten ihrer Geschlechtsgenossinnen gingen die Forderungen zu weit. Dringlicher schienen den aktiv Frauenbewegten praktische Verbesserungen in der Mädchenbildung  oder zur Versorgung unehelicher Mütter. Außerdem herrschte in den männerdominierten bürgerlichen Parteien vor hundert Jahren die Meinung vor, Frauen hätten in der Öffentlichkeit ohnehin nichts verloren. 

Die Aktenlage zu den damaligen Parlamentarierinnen in und aus Dresden fällt spärlich aus. „Das sagt einiges darüber aus, wie begeistert die Konservativen vom Einzug der Frauen waren“, konstatiert Erika Eschebach, Direktorin des Stadtmuseums. Dort hat Volontärin Lea Ringel in der Treppenhausgalerie Fakten zu den ersten 15 Dresdner Politikerinnen zusammengetragen. Selbst zu Anna Gradnauer, eine der ersten drei Stadträtinnen und Gattin des sächsischen Ministerpräsidenten, fand sie nur die Lebensdaten und drei Stichworte, kein Bild. „Wir hoffen sehr auf Hinweise aus der Bevölkerung zu einzelnen Schicksalen“, bittet Eschebach.

Wanderschau im Landtagsfoyer

Diesen sind das Frauenstadtarchiv und der Verein zur Erforschung Dresdner Frauengeschichte schon länger auf der Spur. Die Ausstellung aus ihrer Feder zu weiblichen Landtagsabgeordneten enthält ausführliche Biografien und hing schon 2006 im dortigen Foyer. Aus aktuellem Anlass kehrt die Wanderschau nun zurück. TU-Geschichtsstudierende haben sie erweitert um den historischen Kontext und Medienstationen.

Wie unterrepräsentiert Frauen in Politik, aber auch Wirtschaft, Verwaltung und Forschung nach wie vor sind, zeigen heutige Forderungen selbst der Bundeskanzlerin nach Parität oder das aktuell durch die Medien gehende zähe Ringen in Sachsens Regierung um ein modernes Gleichstellungsgesetz. Im Doppelwahljahr 2019 ruft daher ein historisches Flugblatt im Stadtmuseum den Betrachtern zu: „Wahlrecht ist heute Wahlpflicht!“

Frauen wählen in Dresden – 100 Jahre Frauenwahlrecht: bis 17. Februar, Stadtmuseum, Eingang Landhausstraße), Di. – So., 10 – 18 Uhr, Fr., 10 – 19 Uhr, Eintritt 5, ermäßigt 4 Euro, Fr. ab 12 Uhr frei, www.stmd.de

„100 Jahre Frauenwahlrecht in Sachsen“: bis 21. Februar im Bürgerfoyer des Sächsischen Landtags, Bernhard-von-Lindenau-Platz 1, Mo. – Fr., 10 – 18 Uhr, Eintritt frei. www.landtag.sachsen.de

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