Warum Menschen ihre Heimat verlassen

Dr, Elke Preußer-Franke, Vorsitzende des Jüdischen Frauen Vereins Dresden. // Foto: EKG

Eine Ausstellung beleuchtet das Schicksal von in Dresden lebenden jüdischen Migranten und Spätaussiedlern.

Am vergangenen Montag begannen die Internationalen Wochen gegen Rassismus. Die Stadt Dresden beteiligt sich auch in diesem Jahr an dieser bundesweiten Veranstaltungsreihe. Seit über 25 Jahren informieren die Aktionswochen in Deutschland über die Folgen und Gefahren von Rassismus und Diskriminierung. Fast ebenso lange existiert in unserer Stadt ein Verein jüdischer Migranten und Spätaussiedler: der Jüdische Frauen Verein Dresden e.V.. Nach dem Ende des Kalten Krieges sind viele jüdische Immigranten aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion, vor allem auch aus der Ukraine, in die Bundesrepublik übergesiedelt. Sie haben sich zu diesem Schritt entschieden, um dem Antisemitismus zu entgehen, der – wie zuvor bereits in der Sowjetunion – den Alltag der Gesellschaften vieler ihrer ursprünglichen Heimatländer bestimmt.

Doch auch hierzulande begegnen ihnen Vorurteile sowie Hass gegen Fremde und Flüchtlinge, wie er viele heute trifft. Und das, obwohl diese jüdischen Migranten seit vielen Jahren in Deutschland sind und versuchen, in Dresden eine neue Heimat zu finden.

„Um den Vorurteilen zu begegnen, aufzuklären und den hierher Geflohenen eine Stimme und ein Gesicht zu geben, hat unser Verein die Ausstellung ,Warum wir nach Dresden gekommen sind‘ als Zeitzeugenprojekt konzipiert“, erklärt Dr. Elke Preußer-Franke, die Vorsitzende des Jüdischen Frauen Vereins Dresden. Jüdische Migranten sind seit 22 Jahren in Deutschland. Zuvor in ihren Herkunftsländern als „Juden“ diskriminiert, erfahren sie hierzulande nunmehr häufig eine Diffamierung als unerwünschte „Russen“. „Leider stoßen sie noch zu oft auf Ablehnung in der Bevölkerung, da das Verfolgungsschicksal der Zuwanderer kaum bekannt ist“, betont die Vereinsvorsitzende.

Warum aber Menschen ihre Heimat verlassen und wie es ethnischen Minderheiten in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion ergeht, in denen kein staatlicher Schutz vor antisemitischer, nationalistischer Volksverhetzung existiert, darüber informieren zwölf ZeitzeugenInterviews in dieser Ausstellung.

In der Vorbereitungsphase dieser Exposition wurden dazu Berichte von Dutzenden jüdischen Zuwanderern aus der Ex-UdSSR aufgezeichnet. Vierzehn dieser individuellen Berichte zeigt die Ausstellung in Dokumenten und einem persönlichen Gesprächsangebot. Auf zwölf Acrylsäulen berichten vierzehn Holocaust-Überlebende über ihre Fluchtgründe und ihr Leben in Dresden und rufen zu Völkerverständigung und Demokratie auf.

Bereits seit 2015 ist diese Ausstellung, die das Schicksal von in Dresden lebenden jüdischen Migranten und Spätaussiedlern beleuchtet, an wechselnden Orten der Stadt zu sehen. Es ist bereits die dritte Ausstellung, die die Mitglieder des jüdischen Frauenvereins erarbeitet haben. „Fragt uns, wir sind die Letzten“ und „Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt (Thora)“ waren die vorangegangenen Themen. Die Ausstellung „Warum wir nach Dresden gekommen sind“ wird von Bildungsträgern, Kirchen, Jugendweiheorganisatoren, Vereinen, Museen und andere Einrichtungen nachgefragt. Als Lehrplanbestandteil bieten die Exponate zusätzliches Anschauungsmaterial für Schulen und Zeitzeugengespräche mit Lehrenden und Lernenden, vielfach auch mit hospitierenden jungen Eltern.

Mit der Ausstellung „Warum wir nach Dresden gekommen sind“ und der Ermöglichung persönlicher Gespräche mit den betroffenen jüdischen Immigranten engagiert sich der Jüdische Frauen Verein Dresden in einem schwierigen Umfeld von Hetze und Ressentiments für die Überwindung antisemitischer wie flüchtlingsfeindlicher Vorurteile und Diskriminierung. Er setzt ein Zeichen für Menschenrechte und Minderheitenschutz in Dresden, für seit langem ansässige wie die neu ankommenden Flüchtlinge, und ermahnt zum Gespräch, zum Lernen aus der Geschichte – und zur Begegnung, solange die Überlebenden noch unter uns weilen.

Ekkehart Garten

Mehr Informationen finden Sie unter: juedischerfrauenverein-dresden.de

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