„Was hab‘ ich?“ macht Medizinerlatein verständlich

Was hab' ich?
Lesebare, verständliche Patientenbriebe und Befunde erstellen ist das Hauptanliegen des Dresdner Unternehmens Was hab' ich gGmbH. Foto: PR

Vor elf Jahren wurde in Dresden ein ganz besonderer Dienst gegründet: Medizinstudenten übersetzen für Patienten deren Befunde in leicht verständliche Sprache. Die Plattform „Was hab‘ ich?“ lebt dabei von Spenden.

Im August war wieder so ein kleiner Glücksmoment: Matthias Schlicke von der Krombacher Brauerei sorgte für große Freude beim Team von „Was hab‘ ich?“. Er hatte einen recht dicken Spendenscheck über 2.500 Euro mitgebracht, mit dem der bundesweit tätige „Übersetzerdienst“ aus Dresden wieder ein Stück weit finanziell abgesichert ist.

Wer den Befund versteht, kann besser mit seiner Krankheit umgehen

Hand aufs Herz: Wenn Ihnen bescheinigt wird, dass Sie an Carotissklerose oder an einem A.-vertebralis-V. leiden, wissen Sie dann sofort, dass die Halsschlagader verkalkt oder ein Blut zum Kopf führendes Blutgefäß verschlossen ist? Und wenn im Befund von Hyperlipoproteinämie die Rede ist, dass Ihre Fettwerte im Blut erhöht sind? Der Pschyrembel, das medizinische Lexikon, umfasst rund 100.000 Begriffe, die fast alle auf lateinische oder altgriechische Sprache zurückgehen. Und wenn nach acht oder mehr Jahren Studium der fertige Mediziner Diagnosen und Befunde stellt, dann natürlich in der von ihm jahrelang gepaukten fachmedizinischen Sprache. Nur leider versteht ihn sein Gegenüber, der Patient, nicht wirklich. Der stellt sich dann meist nur eine Frage: Was hab‘ ich?


So ging es Anja und Johannes Bittner. 2011, beide waren Medizinstudenten, war es immer wieder die Verwandtschaft, die nicht verstandenes Medizinvokabular erklärt haben wollte. Und so stand schnell die Frage im Raum: Warum gibt es eigentlich keinen Übersetzungsdienst für Befunde? Innerhalb von vier Tagen entwickelten die beiden gemeinsam mit Diplom-Informatiker Ansgar Jonietz die Website http://www.washabich.de, gingen online und fanden nach genau zwölf Minuten den ersten Befund mit der Bitte um Übersetzung vor. Vier Wochen später waren es bereits 500 Befunde. Und die Erkenntnis reifte: Das schaffen wir zu zweit nie.
Heute, elf Jahre später, ist aus dem Studentenprojekt ein erfolgreiches Sozialunternehmen geworden, das auf ein bundesweit agierendes (und übersetzendes) Netzwerk von 2.622 Medizinstudenten und Ärzten (157) zurückgreifen kann. Fast 55.000 Befunde wurde von diesem Team bisher übersetzt. Und dabei ist es längst nicht geblieben…

Vision: Arzt und Patient sprechen auf Augenhöhe miteinander

Neben der Befundübersetzung ist die Kommunikationsausbildung ein wichtiges Anliegen. „Wir bringen den Ärzten von morgen bei, wie man mit Patienten spricht“, sagt Ansgar Jonietz, Geschäftsführer der „Was hab‘ ich?“ gGmbH. Diese zertifizierte Ausbildung wird von Ärzten durchgeführt und findet auf der eigens entwickelten Online-Plattform statt.
Außerdem wurde ein laienverständlicher Patientenbrief entwickelt. Der entsteht komplett automatisiert mittels eigens entwickelter-Software und zehntausenden Textbausteinen. Das Herzzentrum Dresden zum Beispiel gibt seinen Patienten solche Briefe mit.
Wie müssen medizinische Texte formuliert sein, damit sie leicht verständlich sind? Auch darüber hat sich das einstige Start-up Gedanken gemacht. Heute überarbeiten hauptamtliche Was hab‘ ich?-Ärzte auf Anfrage medizinische Texte jeder Art für Magazine, Verlage und viele Publikationen.
Und schließlich: Gemeinsam mit der Weissen Liste gGmbH hat „Was hab‘ ich?“ das interaktive Medizin-Lexikon „befunddolmetscher.de“ entwickelt. Dort können Patienten selbstständig über 10.000 Fachbegriffe und deren leicht verständliche Erklärungen nachschlagen.
Bleibt die Frage: Wie finanziert sich das Sozialunternehmen, wenn das Übersetzen der Befunde für die Patienten kostenlos ist?

Spendenfinanziert und „Auftragsarbeit“ als Dienstleister

„Als gemeinnütziges Unternehmen sind wir auf Unterstützung angewiesen und daher sehr dankbar für Spenden“, sagt Unternehmenssprecherin Beatrice Brülke. So würden sich viele Patienten mit Spenden für die Übersetzung ihrer medizinischen Befunde bedanken. Aber auch Preisgelder fließen in den Topf – wie die 20.000 Euro für den Lohfert-Preis, mit dem das Unternehmen in diesem Jahr für sein Projekt Patientenbrief geehrt wurde. „Zur Finanzierung tragen außerdem unsere Forschungsprojekte bei“, sagt Beatrice Brülke. „Unsere große Studie zur Wirksamkeit von leicht verständlichen Patientenbriefen auf die Gesundheitskompetenz wurde beispielsweise durch den Innovationsfonds der Bundesregierung gefördert.“ Zur Querfinanzierung dienen schließlich auch Dienstleistungen wie jene für die Website befunddolmetscher.de. Und natürlich Spenden wie die von der Brauerei Krombacher, die jährlich 250.000 Euro aufgeteilt auf 100 Spenden à 2.500 Euro, an ausgewählte Institutionen spendet.

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