Ausgelöschte Biografien zurückholen

Seit einigen Jahren holt die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Dresden jüdische Geschichte ins Heute zurück. Mit ihren „Denkzeichen“ wie hier an der Ziegelstraße. // Foto: Jens Fritzsche

Mit brennenden Kerzen wird an ermordete jüdische Dresdner gedacht.
Und mit spannenden Denkzeichen.

Die brennenden Kerzen vor Hauseingängen zeigen es in den Nächten nach dem 9. November alljährlich deutlich: Diese Menschen lebten mittendrin, waren Nachbarn, Mitschüler, Freunde … Menschen jüdischen Glaubens, die auch in Dresden wichtiger Bestandteil der Stadtgesellschaft waren, die die Kultur befruchteten, Wissenschaftler waren oder eben „ganz normale Leute von nebenan“. Bis dann in den Jahren der Weltwirtschaftskrise erneut uralte und nie wirklich verschwundene Verschwörungs-
Mythen ausgegraben wurden, um „den Juden“ die Schuld an Inflation und wirtschaftlichem Niedergang anzudichten. „Die Juden“ hätten sich gegen die restliche Menschheit verschworen und würden die Weltherrschaft anstreben, hieß es. Und das Ganze fiel auf schaurig fruchtbaren Boden, weil es scheinbar guttut, einen Schuldigen zu finden …

Als dann 1933 die Nationalsozialisten an die Macht gekommen waren, begannen sie in ihrem fanatischen Judenhass damit, Menschen jüdischer Religion aus allen wichtigen Positionen zu entfernen, nach und nach an den Rand der Gesellschaft zu drängen. Auch in der Kulturstadt Dresden, wo beispielsweise auch die ersten Bücher brannten … Feuer, das am 9. November 1938 in der Reichspogromnacht die Synagogen erfasste – auch die am Dresdner Hasenberg. Bis wenig später die jüdischen Einwohner Dresdens in sogenannten Judenhäusern zusammengepfercht wurden und ab 1942 in Vernichtungslager deportiert und ermordet wurden. Die Nazis versuchten, diese Biografien, diese Menschen vergessen zu machen. Nichts sollte mehr an sie erinnern. Auch deshalb brennen alljährlich am 9. November Kerzen an Orten, an denen jüdische Dresdner lebten.

Ein unaufdringliches Zeichen setzen

Und es gibt seit Jahren zudem Engagierte, die versuchen, die ausgelöschten Biografien zurück in die Mitte der Gesellschaft zu holen. Durch Stolpersteine beispielsweise, Messingtafeln auf Fußwegen, vor den letzten freigewählten Wohnungen jüdischer Mitbürger. Oder durch „Denkzeichen“. Eine Idee, die im Rahmen des 800. Dresdner Stadtjubiläums entstanden war, sagt Hildegard Stellmacher. In der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit kümmert sie sich seither mit weiteren Mitstreitern darum, Gedenktafeln an Plätzen aufzustellen, an denen jüdisches Leben einst in Dresden zu Hause gewesen ist.

„Es geht uns dabei um ein unaufdringliches Zeichen“, beschreibt sie. „Wir wollen mit kurzen Geschichten und historischen Fotos neugierig machen, sich mit diesem Teil der Dresdner Geschichte zu beschäftigen“, unterstreicht sie. Und freut sich, „dass die Reaktionen bisher fast ausschließlich positiv gewesen sind“. Bei denen, die die „Denkzeichen“ entdecken und nicht zuletzt bei denen, die durch Spenden helfen, diese Tafeln zu errichten. „Und auch die Flächen bereitstellen für unser Projekt“, erläutert Hildegard Stellmacher.

Erinnerung an jüdischen Verein Schomre Hadas

Das neueste „Denkzeichen“ fand dabei jetzt seinen Platz an der Ziegelstraße 12 in der Pirnaischen Vorstadt. Hier – in der damaligen Hausnummer 54 – hatte der Verein „Schomre Hadas“ im Hinterhaus eine Mikwe, ein Ritualbad, eingerichtet. Zudem lebten hier zahlreiche jüdische Familien. Auch an sie wird auf der Tafel erinnert.

Die Wohnungsgenossenschaft Aufbau stellte dabei unbürokratisch ein Stück ihrer Wiese zur Verfügung und unterstützte das Projekt. Thomas Barthold von der Genossenschaft verweist darauf, „dass wir als Wohnungsunternehmen natürlich unpolitisch sind, aber es sich hier ja um ein wichtiges Stück Geschichte auf unseren Flächen handelt“. Ein Stück Geschichte, das nun zurückgekehrt ist.

JENS FRITZSCHE

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